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Thema: Heißt es: "Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers als Vorsitzender des Ausschusses." oder "Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers als Vorsitzenden des Ausschusses."

  1. #1

    Standard Heißt es: "Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers als Vorsitzender des Ausschusses." oder "Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers als Vorsitzenden des Ausschusses."

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    Frage einer Arbeitskollegin

    Mit folgendem Nachschlagewerk versuchte ich dieser Frage auf den Grund zu gehen:
    Duden online

    In welchem Fall muss der Vorsitzende stehen? Im Nominativ für die Anwort auf die Frage "Wer ist der Kämmerer?" oder im Genitiv für die Antwort auf die Frage "In wessen Kompetenz fällt die Entscheidung?"

    Wie heißt das grammatische Prinzip, das dahinter steht - die "Vererbung" des Falls?

    Und: Wäre es nicht besser zu formulieren: "Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers, dem Vorsitzenden des Ausschusses."?

  2. #2

    Standard

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

    In Ihrer Frage schlagen Sie zwei Varianten für die Konstruktion eines Satzes vor. Diese unterscheiden sich in der Kasusmarkierung der auf das Genitivattribut „des Kämmerers“ folgenden und mit „als“ eingeleiteten Wortgruppe „als Vorsitzender/ als Vorsitzenden“. Sie realisieren das Substantiv, das an „als“ anschließt, einmal im Nominativ (I, Vorsitzender) und einmal im Genitiv (II, Vorsitzenden).

    Beispiel

    (I) Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers als Vorsitzender des Ausschusses.
    (II) Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers als Vorsitzenden des Ausschusses.

    Nun möchten Sie wissen, in welchem Kasus die Wortgruppe realisiert werden muss und wie derartige Wortgruppen grammatisch terminiert werden. Hierzu wenden Sie Frageproben an („Wer ist der Kämmerer?“; „In wessen Kompetenz fällt die Entscheidung?“).
    Abschließend schlagen Sie eine alternative Konstruktion ohne „als“ vor und möchten auch diese auf ihre grammatische Korrektheit überprüfen:
    (III) Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers, dem Vorsitzenden des Ausschusses.

    Sprachsystem


    Sie haben bereits erkannt, dass „als“ nicht wie eine klassische Präposition einen bestimmten Kasus regiert (d.h. fordert), sondern der Kasus in einer bestimmten Weise von seinem syntaktischen Umfeld abhängig ist.
    Zwar ist der Kasus des folgenden Substantivs bei „als“ in gewisser Weise determiniert, jedoch geschieht dies hier durch die Kongruenz mit dem Bezugswort. Die mit „als“ eingeleitete Wortgruppe nimmt also die gleiche grammatische Form (Kasus, Numerus, Genus) wie ihr Bezugswort ein; Sie schlagen für dieses Prinzip den Begriff „Vererbung des Falls“ vor.

    Beispiel

    Professor Müller gilt als Experte für moderne Musik.
    Professor Müller und Professor Meier gelten als Experten für moderne Musik.

    In den Beispielen sehen Sie die Kongruenz zwischen Bezugswort und die durch als angeschlossene Nominalgruppe sehr deutlich. Sobald das Bezugswort im Nominativ Plural maskulin (Professor Müller und Professor Meier) steht, wird auch das Substantiv „Experte“ in den kongruenten Kasus, Numerus und das Genus versetzt (Experten). Das als verbindet die kongruenten Elemente.

    Allgemein könnte man „als" grammatisch als Junktor bezeichnen, da es eine verknüpfende Funktion hat. „Als“ leitet eine Konjunktionalgruppe ein und schließt eine Nominalgruppe an eine andere an; verbindet also gleichrangige Elemente. Im Unterschied zu Präpositionen regiert, d.h. fordert, „als“ an sich keinen Kasus. Die Beziehung zwischen den verbundenen Satzteilen wird in der Regel durch Übereinstimmung im Kasus (=Kasuskongruenz) gekennzeichnet. Junktoren mit diesen speziellen Eigenschaften werden in einigen Grammatiken (z.B. Helbig/Buscha) als Adjunktoren bezeichnet.

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    Adjunktoren können zum Ausdruck eines Vergleichs oder zur Identifizierung (Zuordnung) verwendet werden. Insgesamt haben Adjunktoren einen zuweisenden Charakter.

    Beispiel

    Mit Professor Meier als einem Experten für moderne Musik kann man gut über Wagner diskutieren.


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    Die Frageproben, die Sie anwenden, sind semantischer Art. Derartige Frageproben sind aus linguistisch-grammatischer Perspektive nicht zuverlässig, wie an Ihrem Beispiel deutlich wird. Auf Ihre Frage, „Wer ist der Kämmerer?“ würden Sie mit „der Vorsitzende“ antworten; Sie kämen also zu dem Schluss, „der Vorsitzende“ müsse Subjekt sein und demzufolge im Nominativ stehen (allerdings ist „dieser Punkt“ Subjekt des Satzes!).

    Beispiel

    (I) Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers als Vorsitzender des Ausschusses.
    (II) Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers als Vorsitzenden des Ausschusses.


    Das Bezugswort der Adjunktorgruppe (Wortgruppe mit „als“) ist in Ihrem Beispielsatz das Genitivattribut „des Kämmerers“. Dementsprechend muss die Adjunktorgruppe im Genitiv realisiert werden, sofern man die Adjunktorgruppe und das Bezugswort in Kongruenz stellen und somit verbinden möchte.

    Beispiel

    (I) Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers als Vorsitzenden des Ausschusses.


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    Neben der kongruenten Genitiv-Form ist es ebenfalls möglich, den Nominativ als Vorsitzender (des Ausschusses) zu verwenden. Auf den Nominativ wird häufig bei Appositionen ausgewichen, wenn die Bezüge eindeutig sind und daher eine Kasuskongruenz für die Herstellung der Zusammenhänge nicht unbedingt notwendig ist. In manchen Fällen ist der Nominativ sogar der Normalfall:
    z.B. bei Bezug auf einen possessiven Genitiv:

    Beispiel

    Die Würdigung des Schülers als eigentlicher Klassenbester

    z.B. bei lockeren Appositionen mit artikellosen Eigennamen:

    Beispiel

    Die Würdigung des Schülers, Max Mustermann

    In diesem Fall fungiert die Adjunktorgruppe wie ein Prädikativ:

    Beispiel

    Die Würdigung dieses Schülers als eigentlicher Klassenbester
    (Dieser Schüler ist der eigentliche Klassenbeste.)

    Die Würdigung des Schülers, Max Mustermann
    (Max Mustermann ist der Schüler.)

    des Kämmerers als Vorsitzender des Ausschusses
    (Der Kämmerer ist der Vorsitzende des Ausschusses.)

    Für den Nominativ spricht ebenfalls, dass der Bezug in Ihrem Beispiel auch ohne Genitiv eindeutig ist, da sich Vorsitzender des Ausschusses nicht sinnvoll auf andere Nominalgruppen des Satzes (dieser Punkt; Entscheidungskompetenz) beziehen lässt.

    Beispiel

    (I) Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers als Vorsitzender des Ausschusses.

    Es entstehen also auch mit Nominativ keine Missverständnisse.

    Für die Verwendung von "als Vorsitzenden" des Ausschusses spricht die Perspektive der Kongruenz bei Adjunktorgruppen. Dabei stellt als eine Beziehung zwischen zwei Satzteilen her, die über Kasuskongruenz gekennzeichnet ist. Für die Verwendung des Nominativs "als Vorsitzender" des Ausschusses spricht hingegen die Betrachtung der Adjunktorgruppe wie ein Prädikativ. Auch ohne Genitiv ist der Bezug in Ihrem Beispiel eindeutig. Es ist daher Ihnen überlassen, welcher Argumentation Sie folgen möchten und für welchen Kasus Sie sich entscheiden.

    Abschließend möchte ich auf Ihr alternatives Beispiel ohne „als“ eingehen.

    Beispiel

    (III) Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers, dem Vorsitzenden des Ausschusses.

    Auch in dieser Konstruktion findet systematisch eine „Vererbung“ des Falls, wie Sie es nennen, statt.

    Grammatisch handelt es sich in Beispielen wie Ihrem

    Beispiel

    Der Kämmerer, der Vorsitzende des Ausschusses, kam heute zu spät.
    Ich gebe dem Kämmerer, dem Vorsitzenden des Ausschusses, einen Hinweis.
    Ich sehe den Kämmerer, den Vorsitzenden des Ausschusses.
    Das ist die Tochter des Kämmerers, des Vorsitzenden des Ausschusses.

    um lockere Appositionen. Eine lockere Apposition ist ein Nachtrag, der von den übrigen Bestandteilen des übergeordneten Satzgliedes (I,II, III) bzw. Gliedteils (IV) abgesetzt ist (in gesprochener Sprache stimmlich abgesetzt, in geschriebener durch ein Komma abgetrennt). Syntaktisch gehören lockere Appositionen zu den Attributen: Sie erläutern oder identifizieren die Phrase, zu der sie gehören (in diesem Beispiel „Kämmerer(s)“. Die lockere Apposition übernimmt den Kasus von der Phrase, zu der sie gehört (=Kongruenz im Kasus).

    In Ihrem Beispiel

    Beispiel

    (III) Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers, dem Vorsitzenden des Ausschusses.

    müsste die lockere Apposition, die sich auf „des Kämmerers“ bezieht, also ebenfalls im Genitiv realisiert werden.

    Beispiel

    Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers, des Vorsitzenden des Ausschusses.

     

  3. #3
    Unregistriert Gast

    Standard

    Erstaunlich, dass die dem üblichen Sprachgebrauch am naheliegendsten Variante keine Erwähnung findet:

    Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers als Vorsitzendem des Ausschusses.

    Oder

    Dieser Punkt fällt - als Vorsitzendem des Ausschusses - in die Entscheidungskompetenz des Kämmerers.

  4. #4

    Standard Kasuskongruenz bei Konjunktionalphrasen

    Wie bereits in der Antwort erläutert wurde, nimmt die mit der Konjunktion als eingeleitete Wortgruppe die gleiche grammatische Form wie ihr Bezugsausdruck ein. Dies bedeutet, dass eine Kongruenz (Übereinstimmung) in Kasus, Numerus und Genus besteht. In Bezug auf die Frage soll der Kasus in der folgenden Betrachtung im Vordergrund stehen.

    Beispiel

    Er als Mitarbeiter (Nominativ) bietet mir als Vorsitzendem (Dativ) seine Hilfe an.
    Er als Mitarbeiter (Nominativ) fragt mich als Vorsitzenden (Akkusativ) um Rat.

    Diese Übereinstimmung im Kasus hat die Funktion, die Zusammenhänge im Satz zu verdeutlichen, d.h. anzuzeigen, mit welchem Bezugsausdruck die mit als eingeleitete Wortgruppe in Beziehung steht. Um dies zu veranschaulichen, soll das folgende Beispiel angeführt werden.

    Beispiel

    Er fragt mich als Vorsitzender um Rat.
    Die mit als eingeleitete Wortgruppe (Vorsitzender) steht hier im Nominativ. Dies ist möglich, wenn eine Kasuskongruenz zum Herstellen der Zusammenhänge nicht notwendig ist. Ohne das Vorwissen aus den vorangegangenen Beispielsätzen ist es an diesem Beispiel jedoch nicht möglich, zuzuordnen, ob er oder ich der Vorsitzende ist.
    Wie in der vorherigen Antwort bereits erläutert wurde, ist neben dem Nominativ im Beispielsatz Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Krämers als Vorsitzenden des Ausschusses also der Genitiv als Vorsitzenden möglich, da der Bezugsausdruck des Krämers hier im Genitiv steht. Sie schlagen nun mit Dieser Punkt fällt in die Entscheidungskompetenz des Krämers als Vorsitzendem des Ausschusses die Variante im Dativ vor. Diese wäre nach dem Grundsatz der Kasuskongruenz nur möglich, wenn der Bezugsausdruck der Krämer ebenfalls im Dativ stehen würde, wie in folgendem Beispiel.

    Beispiel

    Mit dem Krämer als Vorsitzendem des Ausschusses ist die Entscheidung legitimiert.

    Jedoch ist die Verwendung des Dativs in solchen Konstruktionen nicht ungewöhnlich, was auch an entsprechenden, im Forum vorhandenen Fragen deutlich wird (ein ähnliches Beispiel ist unter folgendem Link zu finden: https://grammatikfragen.de/showthrea...ht=normalkasus). Nach dem Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle (Duden 9) ist der Dativ dabei als eine Art Ausweichkasus zu verstehen, der auch in Konjunktionalphrasen mit als verwendet wird, obwohl der Bezugsausdruck in einem anderen Kasus steht. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Dativ als Normalkasus. Dieser wird jedoch nicht als standardsprachlich angesehen.

    Ein Überblick über die Belege einer Analyse von Sprachgebrauchsdaten mit der Suche nach als Vorsitzendem zeigt, dass diese Form in der Schriftsprache nur dann verwendet wird, wenn auch der Bezugsausdruck im Dativ steht. Dies ist häufig in Verbindung mit Präpositionen wie neben oder mit der Fall, die den Dativ fordern.
    „Eine komplizierte Vereinbarung der Stadt sollte gewährleisten, dass dieser Verein mit dem Schulleiter als Vorsitzendem an der Spitze vor dem Zugriff des Fiskus gestützt wird.“ (Braunschweiger Zeitung 24.07.2007)
    Eine Verwendung des Dativs bei Konjunktionalphrasen mit als ist also standardsprachlich unüblich und wird auch im Schriftsprachgebrauch selten verwendet. Dass sie trotzdem als Option in Erwägung gezogen wird, ist auf die Tendenz zur Verwendung des Dativs als Normalkasus zurückzuführen.

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    Geändert von Hannah Brill (24.04.2018 um 08:33 Uhr)

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