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Thema: Warum hört sich die Satzstellung bei "Die Massenmedien haben sehr stark die Welt verändert." komisch an.

  1. #1
    Unregistriert Gast

    Standard Warum hört sich die Satzstellung bei "Die Massenmedien haben sehr stark die Welt verändert." komisch an.

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    Korrektur von Aufsätzen DaF-Lernender

    Mit folgendem Nachschlagewerk versuchte ich dieser Frage auf den Grund zu gehen:
    Pons Praxis-Grammatik Deutsch als Fremdsprache

    Besagte Grammatik erklärt folgendes: Gibt es im Mittelfeld eines Satzes verschiedene Angaben und Objekte, so gibt es keine feste Regeln für die Stellung (dann folgen Erläuterungen, was man dennoch beachten sollte). Das ist aber doch relativ unbefriedigend, hört man doch als Muttersprachler, dass sich der Satz "Die Massenmedien haben die Welt sehr stark verändert." besser anhört als obiger!

  2. #2

    Standard Topologische Sequenzierung im Mittelfeld (Reihenfolge der Satzglieder im Mittelfeld)

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

    In Ihrer Frage möchten Sie wissen, warum der von Ihnen formulierte Beispielsatz

    Beispiel

    Die Massenmedien haben sehr stark die Welt verändert

    für Muttersprachler des Deutschen in seiner Sequenzierung der einzelnen Bestandteile auffällig erscheint.
    Sie schlagen die alternative Variante

    Beispiel

    Die Massenmedien haben die Welt sehr stark verändert

    vor.

    Sprachsystem


    Hierzu sollen zunächst die Begriffe der „unmarkierten Reihenfolge“ und der „markierten Reihenfolge“ eingeführt werden.
    Die Sequenzierung der einzelnen Satzglieder im Deutschen unterliegt der Strukturierung durch die Satzklammer. Die Satzklammer besteht besteht aus einem linken und einem rechten Satzklammerteil. Die linke Satzklammer wird obligatorisch immer vom finiten Verb des Satzes besetzt (bei Verbletztsätzen vom Subjunktor). Je nach Satzart kann die rechte Satzklammer frei bleiben oder muss realisiert werden. So kann die rechte Satzklammer bei Verberstsätzen und Verbzweitsätzen frei bleiben, bei Verbletztsätzen ist ihre Realisierung dagegen obligatorisch.

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    Graphik aus Grammis; siehe: http://hypermedia.ids-mannheim.de/ca..._wort=markiert


    Die Stellungsfelder ergeben sich aus der relativen Position zum linken und rechten Satzklammerteil: Das Vorfeld, das Mittelfeld und das Nachfeld.

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    Graphik aus Grammis; siehe: http://hypermedia.ids-mannheim.de/ca..._wort=markiert


    Bei Verberstsätzen bleibt regulär das Vorfeld unbesetzt. Die Besetzung des Nachfeldes ist in allen drei Satzarten fakultativ.
    Dieser Struktur folgend haben sich im Deutschen „Grundreihenfolgen“, in welchen Feldern welche Satzglieder regulär stehen, konstituiert. Diese werden als „unmarkiert“ bezeichnet.
    Sequenzierungen von Satzgliedern, die nicht den „Normalreihenfolgen“ entsprechen, wirken auffällig und werden als „markiert“ bezeichnet.

    Die folgenden Beispiele entsprechen der Grundreihenfolge.

    VorfeldLSKMittelfeld RSKNachfeld
    Omahatgestern in Berlin ihren Geburtstaggefeiert. -
    In BerlinhatOma gestern ihren Geburtstaggefeiert. -
    Ihren GeburtstaghatOma gestern in Berlingefeiert. -

    Diese Beispiele weichen von der Grundreihenfolge ab. Ihre Sequenzierung ist also „markiert“.

    VorfeldLSKMittelfeld RSKNachfeld
    Omahatin Berlin ihren Geburtstaggefeiert, gestern.
    Omahatgestern ihren Geburtstaggefeiert, in Berlin.

    Wie Sie in den obigen Beispielen sehen konnten, können die Satzglieder in Ihrer Reihenfolge variieren. Dennoch gilt die Sequenzierung als unmarkiert. Dies hängt damit zusammen, dass es in Bezug auf die Sequenzierung im Mittelfeld nicht die eine Grundregel gibt, sondern ein Set an Prinzipien, die mitunter in Konkurrenz zueinander stehen.

    Im Folgenden sollen die Grundprinzipien der Sequenzierung im Mittelfeld dargestellt werden. Diese sind regelhafte Tendenzen der Sequenzierung und keine rigiden „Vorschriften“ der Sequenzierung im präskriptiven Sinne.
    1.) Komplemente vor Supplementen
    2.) Kernkomplemente vor Nicht-Kernkomplementen
    3.) Grundregel Kernkomplemente: Subjekt vor Akkusativobjekt vor Genitiv-/Dativobjekt vor Präpositionalobjekt
    4.) Form der Konstituente der Kernkomplemente: Personalpronomina vor Nominalgruppen
    5.) Semantische Rollen der Kernkomplemente: Belebtheit vor Unbelebtheit
    6.) Informationsstruktur des Mittelfeldes



    1. Komplemente vor Supplementen
    [Exkurs: Komplemente/ Supplemente
    Komplemente sind Satzglieder, die vom Verb (bzw. seiner Valenz) gefordert werden. Üblicherweise handelt es sich bei Komplementen um Subjekte und Objekte (Dativ-/Akkusativ-/Genitiv-/Präpositionalobjekte), aber auch Adverbiale können vom Verb gefordert sein.

    Beispiel

    Sie wohnt in Gießen.
    *Sie wohnt. (Das Lokaladverbial „in Gießen“ kann nicht getilgt werden, da das Verb „wohnen“ ein solches verlangt. Ohne das Adverbial wird der Satz ungrammatisch.)

    Supplemente dagegen werden nicht vom Verb gefordert. Sie können i.d.R. weggelassen werden.

    Beispiel

    Sie wohnt schon lange in Gießen.
    Sie wohnt mit ihrer Freundin in Gießen. (Die Supplemente "schon lange" bzw. "mit ihrer Freundin" können weggelassen werden, ohne dass der Satz ungrammatisch wird.)]


    Komplemente stehen im Mittelfeld tendenziell vor Supplementen.

    Beispiel

    Du hast dich in letzter Zeit auffallend verändert.
    Oma hat ihren Geburtstag gestern in Berlin gefeiert.


    2. Kernkomplemente vor Nicht-Kernkomplementen
    Bei den vom Verb geforderten „Mitspielern“, den Komplementen, differenziert man weiterführend nach Kernkomplementen und Nicht-Kernkomplementen. Als Kernkomplemente gelten: Subjekte, Akkusativobjekte, Dativobjekte, Genitivobjekte und Präpositionalobjekte. Nicht-Kernkomplemente sind dagegen Prädikativa und Adverbiale.
    Im Mittelfeld stehen Kernkomplemente in der Regel vor Nicht-Kernkomplementen.

    Beispiel

    Um kurz vor 17 Uhr standen lange Schlangen vor den Kassen.
    Lange Schlangen => Subjekt, Kernkomplement
    vor den Kassen => Lokaladverbial, Nicht-Kernkomplement


    3. Grundregel Kernkomplemente: Subjekt vor Akkusativobjekt vor Genitiv-/Dativobjekt vor Präpositionalobjekt
    Die Sequenzierung der Kernkomplemente erfolgt regelhaft nach dem Muster:
    Subjekt >> Akkusativobjekt >> Dativ/Genitiv-Objekt >> Präpositionalobjekt

    Beispiel

    Der EU-Bildungsrat beschloss die Auszubildenden den Studenten gleichzustellen.
    Die Auszubildenden: Akkusativ-Objekt
    Den Studenten: Dativ-Objekt


    Beispiel

    Deshalb ordnet die alte Poetik das Epigramm der lyrischen Gattung zu.
    Die alte Poetik: Subjekt
    Das Epigramm: Akkusativ-Objekt
    Der lyrischen Gattung: Dativ-Objekt

    Beispiel

    Die Sportlerin bezichtigt ihre Kollegin des Betrugs.
    Ihre Kollegin: Akkusativ-Objekt
    Des Betrugs: Genitiv-Objekt


    4.) Form der Konstituente der Kernkomplemente: Personalpronomina vor Nominalgruppen

    Wenn Kern-Komplemente pronominal (als Personal- oder Reflexivpronomen) realisiert werden, hat dies eine unmittelbare Auswirkung auf die Sequenzierung des Mittelfelds: Die in 3) festgehaltene Regel (Subjekt vor Akkusativobjekt vor Genitiv-/Dativobjekt vor Präpositionalobjekt) wird durch die Pronomina teilweise aufgehoben, wie folgende Beispiele illustrieren:

    Beispiel

    Sie hatte ihm das Geld versprochen.
    Ihm: Dativ-Objekt
    Das Geld: Akkusativ-Objekt
    (Regel, dass Akkusativ-Objekte vor Dativ-Objekten stehen, greift nicht mehr!)

    Beispiel

    Wenn es uns jemand verrät.
    Es: Akkusativ-Objekt
    Uns: Dativ-Objekt
    Jemand: Subjekt
    (≠ Subjekt vor Akkusativobjekt vor Dativobjekt)


    5. Semantische Rollen der Kernkomplemente: Belebtheit vor Unbelebtheit
    Ein weiterer Faktor, der die Grundreihenfolge der Kernkomplemente im Mittelfeld (Subjekt vor Akkusativobjekt vor Dativ-/Genitivobjekt vor Präpositionalobjekt) beeinflussen kann, sind die semantischen Rollen der Kernkomplemente in Bezug auf Belebtheit. Die Träger belebter Rollen sind handlungsfähig und stehen vor den Trägern nicht belebter Rollen. Eine belebte Rolle haben nicht nur Lebewesen inne, sondern auch beispielsweise (vom Mensch geschaffene) Institutionen.

    Beispiel

    Das neue Streikgesetz soll den Arbeitern das Streikrecht nehmen.
    Den Arbeitern: Dativ-Objekt, belebt
    Das Streikrecht: Akkusativ-Objekt, nicht belebt
    (≠Akkusativobjekt vor Dativobjekt)

    Beispiel

    Die Zeugin schilderte dem Richter den Sturz der Frau.
    Dem Richter: Dativ-Objekt, belebt
    Den Sturz der Frau: Akkusativ-Objekt, nicht belebt
    (≠Akkusativobjekt vor Dativobjekt)


    6. Informationsstruktur des Mittelfeldes
    Das Mittelfeld ist für die Informationsstruktur besonders wichtig: Einerseits kann durch die relative Freiheit der Sequenzierung im Mittelfeld dieses besonders gut für die kommunikative Gewichtung genutzt werden. Andererseits bietet das Mittelfeld (im Gegensatz zum Vorfeld, in dem nur ein Satzglied stehen kann) quantitativ mehrere Satzglieder, wodurch das Potential an Umstellungen und somit kommunikativer Strukturierung größer ist als in den anderen Feldern.

    Beispiel

    (1) Oma hat in Berlin gestern ihren Geburtstag gefeiert.
    (2) Oma hat ihren Geburtstag gestern in Berlin gefeiert.

    Durch die Umstellung der Satzglieder im Mittelfeld wird die Informationsstruktur jeweils verändert. Der Sprecher kann das Element mit dem stärksten Informationsgewicht an das Ende des Mittelfelds setzen. In den Beispielen (1) und (2) wird jeweils ein anderer Fokus gesetzt und ein anderes Satzglied kommunikativ betont: Einmal wird der Geburtstag betont (1), einmal der Ort der Feier (in Berlin, (2)).

    Eine graphische Übersicht soll die genannten Grundregeln und Einflussfaktoren der Sequenzierung des Mittelfeldes zusammenfassen. Die Graphik erhebt nicht den Anspruch, alle möglichen Faktoren zu beinhalten. Das Prinzip der Informationsstruktur kann in der Graphik nicht mitaufgenommen werden.

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    Es ist also relativ schwierig, die Regelhaftigkeiten der Topologie im Mittelfeld des Deutschen genau zu bestimmen. Zu dieser Problematik schreibt die Duden-Grammatik treffend: „Im Einzelfall ist es oft schwierig auszumachen, welche Faktoren für die vorliegende Satzgliedfolge den Ausschlag gegeben haben. Deutsch ist hier flexibel, aber zumindest für Menschen, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, nicht sehr transparent.“ (Duden Grammatik, §1353) Es muss bei der Behandlung Ihres Beispiels also stets bedacht werden, wie undurchsichtig die Sequenzierung im Einzelfall sein kann.

    Abschließend sollen nun die Grundprinzipien der Sequenzierung im Mittelfeld auf Ihr Beispiel angewandt werden.

    Beispiel


    (1) Die Massenmedien haben sehr stark die Welt verändert.
    (2) Die Massenmedien haben die Welt sehr stark verändert.

    Die von Ihnen aufgeführte Variante 2 folgt Prinzip 1: Komplemente vor Supplementen.

    Beispiel

    Die Massenmedien haben die Welt sehr stark verändert.

    „Sehr stark“ ist ein modales Adverbial, das vom Verb nicht gefordert wird. Es kann getilgt werden, ohne dass der Satz ungrammatisch werden würde.

    Beispiel

    Die Massenmedien haben die Welt verändert.

    Demzufolge folgt die von Ihnen vorgeschlagene Variante 2 den strukturellen Prinzipien und kann demzufolge als „unmarkiert“ betrachtet werden.
    Variante 1

    Beispiel


    Die Massenmedien haben sehr stark die Welt verändert.
    folgt dem Prinzip, dass Komplemente Supplementen voranstehen, nicht. Das modale Adverbial „sehr stark“ steht hier vor dem Akkusativ-Objekt „die Welt“. Diese Sequenzierung kann allerdings aus informationsstrukturellen Gründen (Prinzip 6) bewusst gewählt worden sein, um den Fokus und die kommunikative Gewichtung auf das letzte Element des Mittelfeldes, das Akkusativ-Objekt „die Welt“, zu legen. Variante 1 kann somit als „markiert“ bezeichnet werden.

    Beispiel

    Die Massenmedien haben sehr stark die Welt verändert, aber nicht meine Persönlichkeit. (Ich lese immer noch „echte“ Zeitung und keine Online-News.)


    Ähnliche Beispiele:

    Beispiel

    (1) Lisa hat ihren Schwarm freundlich angelächelt. [Grundreihenfolge Komplemente vor Supplementen eingehalten; Akkusativobjekt („ihren Schwarm“) vor modalem Adverbial („freundlich“)]

    (2) Lisa hat freundlich ihren Schwarm angelächelt. [Abweichung von der Grundreihenfolge; Supplement hier vor Komplement: modales Adverbial („freundlich“) vor Akkusativobjekt („ihren Schwarm“)]

    (2') Lisa hat freundlich ihren Schwarm angelächelt, seinen Sitznachbarn mit ihren Blicken aber sorgfältig gemieden.


    Beispiel

    (1) Der Experte hat den Computer sehr schnell eingerichtet. [Grundreihenfolge Komplemente vor Supplementen eingehalten; Akkusativobjekt („den Computer“) vor modalem Adverbial („sehr schnell“)]

    (2) Der Experte hat sehr schnell den Computer eingerichtet. [Abweichung von der Grundreihenfolge; Supplement hier vor Komplement: modales Adverbial („sehr schnell“) vor Akkusativobjekt („den Computer“)]

    (2') Der Experte hat sehr schnell den Computer eingerichtet, beim Tablet brauchte er aber ewig.

     

    Fazit:
    In den von Ihnen aufgeführten Beispielsätzen

    Beispiel

    (1) Die Massenmedien haben sehr stark die Welt verändert.
    (2) Die Massenmedien haben die Welt sehr stark verändert.

    konkurrieren Prinzipien der Sequenzierung im Mittelfeld: Einerseits kann man die Sequenzierung nach einer unmarkierten Grundreihenfolge mit dem Prinzip „Komplemente vor Supplementen“ (2) gestalten, andererseits kann man aus einem informationsstrukturellen Gesichtspunkt einen Fokus auf das Akkusativobjekt legen und dieses durch seine „besondere“, markierte Stellung betonen. Beide Varianten sind sprachsystematisch möglich. Wenn Sie in Bezug auf Variante 2 sagen, dass sie sich besser anhöre als Variante 1, meinen Sie damit „normaler“, üblicher/geläufiger und nicht qualitativ hochwertiger. Die Qualität der Sequenzierung kann erst aus einer kommunikativen Situation heraus analysiert werden.

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