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Thema: Ich bin am schreiben. Ist das korrekt?

  1. #1
    Unregistriert Gast

    Standard Ich bin am schreiben. Ist das korrekt?

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    Höre es immer wieder im gesprochenen Deutsch

    Ich höre so etwas immer wieder: "Ich bin am schreiben", "Ich war am machen" usw. Ist das nur Dialekt, oder auch außerhalb gebräuchlich? Entwickelt sich da eine neue Form?

  2. #2

    Standard Am-Progressiv

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

    Sprachsystem


    Bei der Form Ich bin am Schreiben handelt es sich um eine Verlaufsform, den sogenannte Progressiv, der gebildet wird aus sein und einem Infinitiv in Verbindung mit am, beim oder im.

    Beispiel

    Wir sind am Essen.
    Er ist am Arbeiten.
    Sie sind im Weggehen.

    Diese Verlaufsformen beschreiben laut dem Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle (Duden 9) einen Vorgang oder Zustand ohne zeitliche Begrenzung im Sinne von dabei sein, etwas zu tun. Sie sind also vergleichbar mit der englischen Progressivform, laut der Dudengrammatik (Duden 4) im Gegensatz zu dieser jedoch nicht voll grammatikalisiert.

    Beispiel

    He is reading a book.
    Er liest ein Buch / Er ist am Lesen.

    Der Progressiv kann sprachsystematisch in die Kategorie der Verbalkomplexe eingeordnet werden. Als Verbalkomplex wird eine Wortverbindung bezeichnet, die ein infinitregierendes Verb und eine davon regierte infinite Form eines Vollverbs (Partizip II, Infinitiv oder zu-Infinitiv) enthält.

    Beispiel

    Wir haben [infinitregierendes Verb] etwas gegessen [Partizip II].

    Bei den Progressivformen wie Ich bin am Schreiben oder Er ist beim Arbeiten sind die Formen von sein die infinitregierenden Verben, die mit Schreiben oder Arbeiten die jeweils infiniten Formen der Vollverben fordern. Das am kann in diesem Fall als eine Art Progressivpartikel angesehen werden. Inzwischen wird der am-Progressiv in der Fachliteratur vermehrt als eine verbale Kategorie eingeordnet. Die Konsequenz dieser Sichtweise wäre dann die Kleinschreibung des Infinitivs.

    Verwendet wird der Progressiv laut der Dudengrammatik vorzugsweise bei Tätigkeitsverben, die ohne weitere Ergänzungen stehen.

    Beispiel

    Wir essen Nudeln.
    Wir sind am Essen.

    Dabei tritt der Progressiv in der gesprochenen Sprache häufiger auf als in der Standardschriftsprache, wobei in geschriebener Sprache laut dem Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle vor allem die Progressive mit beim und im üblich sind. Der am-Progressiv wird demnach überwiegend in der gesprochenen Sprache verwendet.
     


    Sprachgeschichte


    Der am-Progressiv wird auch als „rheinische Verlaufsform“ bezeichnet, was eine regionale Verwendung suggeriert. Tatsächlich werden Progressivformen seit langem aber auch in anderen deutschsprachigen Regionen, wie beispielsweise in der Schweiz, verwendet. Es kann also von einer überregionalen Verwendung gesprochen werden.
     


    Sprachgebrauch


    Eine Analyse von Sprachgebrauchsdaten kann an dieser Stelle zeigen, wie häufig eine Form tatsächlich im Sprachgebrauch auftritt. Die Analyse basiert auf den Sprachkorpora des Instituts für deutsche Sprache und wird mit Hilfe der Applikation Cosmas II durchgeführt. Eine Suchanfrage für am+Infinitiv liefert insgesamt 2.202 Belege, dazu zwei Beispiele:

    „Die Freundschaft ist am Bröckeln, doch die Waschmaschine auf der Fachterrasse, der Ort von Tragik und Komik, wird die Verbindung wieder kitten“ (St. Galler Tagblatt 21.01.2009)
    „Gleich nebenan im Berggarten sind die Frühblüher ebenfalls bereits fleißig am Sprießen“ (Hannoversche Allgemeine 14.03.2009)
    Die Anzahl an Belegen zeigt, dass es sich bei dem am-Progressiv um eine Form handelt, die auch im schriftlichen Sprachgebrauch auftritt. In welchem Verhältnis dies zur Verwendung im mündlichen Sprachgebrauch steht, ist schwierig zu beurteilen. Deutlich wird jedoch, dass diese Form nicht regional begrenzt auftritt, wie an den beiden Belegen zu erkennen ist. Genauere Hinweise auf die Verwendung des am-Progressivs sind unter anderem folgenden Analysen zu entnehmen: http://www.atlas-alltagssprache.de/runde-2/f18a-b/
     

    Fazit: Es handelt sich bei dem am-Progressiv also um eine Form, die eine Handlung oder einen Zustand als andauernd beschreibt, vergleichbar mit der englischen Progressivform. Somit entspricht Ihr Beispielsatz Ich bin am Schreiben einer Form, die noch nicht voll grammatikalisiert ist, aber sowohl in der gesprochenen Sprache als auch in der Standardschriftsprache verwendet werden kann.


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