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Thema: Fall bei Koordinationsellipse: "Im Prinzip könnten in Dreiphasensystemen auch drei separate Einphasen-Transformatoren nebeneinander verwendet werden – für jeden Außenleiter einen." oder "... für jeden Außenleiter einer."

  1. #1
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    Standard Fall bei Koordinationsellipse: "Im Prinzip könnten in Dreiphasensystemen auch drei separate Einphasen-Transformatoren nebeneinander verwendet werden – für jeden Außenleiter einen." oder "... für jeden Außenleiter einer."

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    Kleiner Edit-War bei Wikipedia

    Mit folgendem Nachschlagewerk versuchte ich dieser Frage auf den Grund zu gehen:
    Duden

    Ich argumentiere, dass "einer" korrekt ist, weil es sich um eine "Koordinationsellipse" des folgenden Satzes handelt:

    "Im Prinzip könnten in Dreiphasensystemen auch drei separate Einphasen-Transformatoren nebeneinander verwendet werden – für jeden Außenleiter [könnte] einer [verwendet werden]."

    Zwei Personen (und der Autor des Satzes) haben "gefühlsmäßig" für "einen" argumentiert - eine ist dann meiner Argumentation gefolgt. Mir scheint, dass es sich hier um ein schönes Beispiel handelt, wo der grammatische Kasus und der "Tiefenkasus" ("semantische Rolle") auseinanderlaufen: Der zweite Satzteil wird interpretiert als "für jeden Außenleiter [könnte MAN] eineN [verwenden]", wo der Transformator dann wieder "wie erwartet" Objekt und daher Akkusativ ist. Einer der Diskutanten hat das auch explizit so beschrieben: "Man verwendet einen (Akkusativ!)".

    Zur Verwirrung trägt außerdem auch bei, dass die "Konjunktion" ein Gedankenstrich ist, der "länger" dauert als ein (z.B.) "also" und daher den "Reset" zur Aktivkonstruktion im Denkfluss des Lesers "fördert" (oder nicht so gut verhindert); und dazu noch der Numeruswechsel vom "könnten" zum impliziten "könnte", der auch die Parallelität der Konstruktionen "wackeliger" macht.

    Naja - meine Theorie(n) hab ich hingeschrieben - aber: Ist es so? also "einer"?
    Geändert von hmmueller (05.03.2018 um 12:35 Uhr)

  2. #2
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    Standard Status von Ellipsen und Nachträgen

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

    Sprachsystem

    Ihre Frage betrifft den Status von Ellipsen und Nachträgen. Wie Sie bereits korrekt festgestellt haben, kann der Bestandteil des Satzes, der auf den Gedankenstrich folgt, als eine Ellipse betrachtet werden. Eine Ellipse liegt dann vor, wenn ein Satz oder dessen Bestandteile nicht ausformuliert sind, um z.B. Dopplung zu vermeiden.
    Zunächst: Es existieren mehrere Arten von Ellipsen; die Koordinationsellipse liegt z.B. vor, wenn Elemente in einer Reihung mehrfach auftreten würden. Dies kann syndetisch mit einem koordinierenden Junktor (z.B. und) oder asyndetisch mit einem Komma auftreten:
    Ich lese und [ich] lerne gern in der Bibliothek.
    Ich lese, [ich] schreibe, [ich] lerne gern in der Bibliothek.
    Durch die Verwendung des Gedankenstrichs stellt sich also bereits grundlegend die Frage, ob es sich um eine Koordinationsellipse und/oder einen Nachtrag handelt.

    Im Beitrag von Katharina Stuckert zur Koordinationsellipse wird berechtigterweise darauf hingewiesen, dass Ellipsen auch als „Auslassungen“ bezeichnet werden und dies den Trugschluss ermöglicht, dass der Satz zu vervollständigen ist. Auf das Problem sind Sie in Ihrem Fall ebenfalls gestoßen und haben es bereits korrekt analysiert: Elliptische Strukturen können und müssen nicht immer auf eine einzige Weise ausformuliert werden; man könnte sagen: Der Reiz elliptischer Strukturen liegt darin, dass sie für mehrere Varianten offenbleiben. Die Ausformulierung hat einen rein methodischen Charakter und dient der Rekonstruktion der grammatischen Struktur, die den Varianten zugrunde liegt.

    In Ihrem Beispiel konkurrieren zwei Varianten: Es existiert eine Aktiv-Variante, in der ein unbestimmtes Subjekt man im Nominativ die Rolle des Handelnden übernimmt und einen [Transformator] im Akkusativ als Betroffener steht. Und es existiert eine Passiv-Variante, in der einer [Transformator] im Nominativ als Betroffener und Subjekt bleibt und auf die Ausformulierung eines Handelnden (z.B. von jemanden) verzichtet wird:
    Aktiv-Variante:
    Im Prinzip könnten in Dreiphasensystemen auch drei separate Einphasen-Transformatoren nebeneinander verwendet werden – für jeden Außenleiter [könnte man] einen [verwenden].

    Passiv-Variante:
    Im Prinzip könnten in Dreiphasensystemen auch drei separate Einphasen-Transformatoren nebeneinander verwendet werden – für jeden Außenleiter [könnte] einer [von jemandem] [verwendet werden].
    Wenn der vorangegangene Passivsatz, auf den sich die Ellipse bezieht, fortgesetzt werden soll, spricht dies für die Passiv-Variante. Durch den Gedankenstrich handelt es sich bei der Ellipse um einen Nachtrag; orthografisch gehört die Ellipse daher zum Satz.
    Wenn hingegen die semantische Rolle betrachtet wird, dann spricht dies für den Aktivsatz, in welchem einen als Akkusativobjekt und Betroffenes (Patiens) und man als Subjekt und Handelndes (Agens) steht. Aktivsätze bilden im Deutschen die unmarkierte Struktur, das heißt, man verfügt über Aktivsätze früher und sie haben gegenüber Passivsätzen den Status als „Standard“.

    Die Aktiv-Variante kann daher als eigenständiger und die Passiv-Variante als stärker in die grammatische Struktur integrierter angesehen werden. Die Verwendung des Gedankenstrichs anstelle eines koordinierenden Junktors wie und oder eines Kommas sorgt ferner dafür, dass die Anzahl der Möglichkeiten größer ist als bei einer strengen Integrationsregeln folgenden Koordinationsellipse, da die Interpretation als Nachtrag möglich ist. Aus grammatischer Perspektive lassen sich daher für beide Varianten Argumente finden.
     


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    Geändert von Lars Bepler (31.05.2018 um 21:07 Uhr)

  3. #3
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    Standard Aktiv-Nominativ-Variante / Passiv-Akkusativ-Variante

    Geehrter Herr Bepler,

    Etwas ist mir in Ihrer Erläuterung nicht klar:
    "für jeden Außenleiter [könnte man] einen [verwenden]" hätte ich verstanden als Aktiv-Akkusativ und
    "für jeden Außenleiter [könnte] einer [von jemanden] verwendet werden" hätte ich verstanden als Passiv-Nominativ.
    Sie verwenden diese Begriffe andersherum.

    Irgendwas muss ich falsch verstanden haben. Gerne hätte ich hier mehr Klarheit bekommen.
    Ich bedanke mich schon im Voraus.

    Mit Respekt

    Michel

  4. #4
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    Standard

    Ihr Verständnis von den Beispielsätzen mit den zugeordneten Bezeichnungen "Aktiv-Akkusativ" und "Passiv-Nominativ" ist absolut korrekt und stimmt auch gleichzeitig mit der Erläuterung in meinem Beitrag überein. Es existiert eine Aktiv-Variante mit "man" als Agens im Nominativ und "einen" als Patiens im Akkusativ, und es existiert eine Passiv-Variante mit "einer" als Patiens im Nominativ, wobei in der Passiv-Variante auf das explizite Nennen eines Agens ("von jemanden") verzichtet werden kann.

  5. #5
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    Mein Problem liegt im letzten Paragraphen Ihrer Erläuterung: Da ist die Rede von Aktiv-Nominativ-Variante und Passiv-Akkusativ-Variante während ich Aktiv-Akkusativ (einen) und Passiv-Nominativ (einer) erwartete.

    Mit freundlichen Grüßen

  6. #6
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    Standard

    Vielen Dank für die Konkretisierung Ihres Hinweises! Ich habe die für die Irritation verantwortliche Stelle in meinem Beitrag soeben editiert.

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