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Thema: "Er wollte nicht, dass man ihn beobachtet." Ist das korrekt, oder müsste "beobachtete" stehen?

  1. #1

    Standard "Er wollte nicht, dass man ihn beobachtet." Ist das korrekt, oder müsste "beobachtete" stehen?

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    Mitteilungen des Sprachkreises Deutsch 1/2018, S. 3/5

    Mit folgendem Nachschlagewerk versuchte ich dieser Frage auf den Grund zu gehen:
    Duden 4 + 9, Heuer

    Für den Ratgeber in der Zeitschrift scheint die Gleichzeitigkeit der Grund dafür zu sein, auch im Nebensatz das Präteritum zu verwenden. Für mich gibt der Dass-Satz an, was "er" in der damaligen Gegenwart nicht wollte, ergo Präsens.

  2. #2

    Standard Tempusgebrauch

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

    Sprachsystem


    Ihre Frage bezieht sich auf die Verwendung des Präsens in einem Teilsatz, dessen übergeordneter Teilsatz im Präteritum steht: Er wollte nicht, dass man ihn beobachtet. Die grundsätzliche Funktion der Tempora ist es, eine Äußerung zeitlich zu situieren. Mit dem Präteritum wird die Äußerung dabei im typischen Fall der Vergangenheit zugewiesen, wie auch bei Er wollte nicht... In Satzgefügen mit mehreren Teilsätzen wird es nun durch entsprechenden Tempusgebrauch möglich, eine Äußerung nicht nur in Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft zu situieren, sondern auch eine zeitliche Abhängigkeit zwischen den Teilsätzen auszudrücken.

    Beispiel

    Er wollte nicht [Präteritum], dass man ihn beobachtete [Präteritum]. - Gleichzeitigkeit
    Er wollte nicht [Präteritum], dass man ihn beobachtet hatte [Plusquamperfekt]. - Vorzeitigkeit

    Laut dem Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle wird beim Verhältnis der Gleichzeitigkeit in der Regel das gleiche Tempus verwendet. Dies wäre also ein Grund, um in Ihrem Beispielsatz in beiden Teilsätzen das Präteritum zu verwenden: Er wollte nicht, dass man ihn beobachtete.

    Nach der Dudengrammatik ist es in zusammengesetzten Sätzen jedoch auch möglich, die indikativischen Tempora im abhängigen Teilsatz wie in der direkten Rede zu verwenden, sofern diese auf ein Verb des Sagen oder Denkens, so zum Beispiel wollen, folgen. Es handelt sich dabei um eine Form der abhängigen indirekten Rede (im weiteren Sinne), für die in der Dudengrammatik unter anderem folgendes Beispiel angegeben ist:

    Beispiel

    Und im Ford verkündete der Friseur meinem Großvater (…) [Präteritum], dass er ihn ab heut nicht mehr rasieren wird [Futur I].

    Die abhängige indirekte Rede gibt also, wie Sie in Ihrer Frage bereits feststellen, an, was er in der damaligen Gegenwart nicht wollte - und dies wird im Präsens wiedergegeben: Er wollte nicht, dass man ihn beobachtet.

    Als Begründung für die Variante Er wollte nicht, dass man ihn beobachtet kommt die Tempusneutralität des Präsens hinzu: Präsens ist nicht zwangsläufig Tempus der Gegenwart, sondern ein zeitlich unspezifisches Tempus. Dies ist insofern relevant, als der Gebrauch von Tempora im Satzgefüge den allgemeinen Bedingungen der Unterordnung des Nebensatzes unterliegt. Das bedeutet für Ihr Beispiel: Da im übergeordneten Hauptsatz mit dem Präteritum die Temporalität realisiert wird, kann sich das tempusneutrale Präsens im untergeordneten Nebensatz den jeweiligen Kontextbedingungen (in diesem Fall in semantischer Perspektive der Vergangenheit) anpassen. Es muss im untergeordneten Nebensatz also nicht zwangsläufig eine temporale Einordnung vorgenommen werden, wenn diese durch den Hauptsatz ausreichend realisiert ist.

    Es können aus sprachsystematischer Perspektive also beide Varianten begründet werden, zum einen durch die Gleichzeitigkeit der in den beiden Teilsätzen ausgedrückten Sachverhalte, zum anderen durch die abhängige indirekte Rede bzw. die durch den Hauptsatz ausreichend realisierte temporale Einordnung.
     


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  3. #3
    Rennie Wyss Gast

    Standard Tempusrelation

    "Als Begründung für die Variante 'Er wollte nicht, dass man ihn beobachtet' kommt die Tempusneutralität des Präsens hinzu: Präsens ist nicht zwangsläufig Tempus der Gegenwart, sondern ein zeitlich unspezifisches Tempus."
    Das hier zitierte Argument greift gerade in diesem Beispiel zu kurz. Gefragt ist nämlich nicht ein unspezifisches Tempus, sondern ein spezifisches: Dieser Er wollte (damals) nicht, dass man ihn (in der gegebenen Situation) beobachtete. Er legte sich nicht darauf fest, dass er überhaupt nicht beobachtet werden wollte.
    In dem Satze, jedenfalls in dem ursprünglichen Zusammenhange, ist deshalb nur richtig:
    Er wollte nicht, dass man ihn beobachtete.
    Wenn Verfasser, wie es so oft geschieht, sich über diese tatsächliche, zeitgebundene Gleichzeitigkeit hinwegsetzen, nehme sie einen Verlust an Präzision in kauf.

  4. #4
    Rennie Wyss Gast

    Standard Nachtrag zu meinem Beitrag

    Hinter der Diskussion zur Zeitenfolge, welche der zitierte Satz ausgelöst hat, steht letztlich auch eine Grundsatzfrage:
    Wie ist sprachliche Richtigkeit zu definieren?
    Nach der Germanistik gibt der Sprachgebrauch die Antwort. Das ist natürlich nicht falsch, reicht aber m.E. nicht. Der Sprachgebrauch ist zunehmend uneinheitlich, auch in schriftlichen Texten.
    Wichtige Kriterien sind m. E. Zweckmäßigkeit, Differenzierung, Präzision - Eigenschaften, deren Bedeutungen sich überlappen.
    Von Richtigkeit zu sprechen, ist in unserer liberalen Gesellschaft und bei der Dominanz des Mündlichen, wo Lässigkeit und Toleranz ziemlich groß sind, eigentlich nicht mehr hilfreich.
    Wir können den Leuten kaum noch vorschreiben, wie sie sprechen sollen, wir können ihnen höchstens Empfehlungen geben. Dasselbe gilt zunehmend auch für das geschriebene Deutsch, welches sich heute stark an die gesprochene Sprache anlehnt.
    Angemessenheit und Zweckmäßigkeit sind wahrscheinlich bessere Wörter, wenn wir heutzutage irgendwie auf den Sprachgebrauch Einfluss nehmen wollen.
    Ich denke aber, Professoren, Verleger, Chefredakteure usw. haben schon noch einen großen Einfluss auf das Deutsch, welches uns in Dissertationen und Printmedien begegnet. Es geht dabei natürlich um eine gehobene Sprache; das Alltagsdeutsch kann höchstens indirekt gesteuert werden und folgt stärker andern Einflüssen.
    In meinem Beitrag zur Zeitenfolge vertrete ich aus diesen Gründen eine strenge Linie, obwohl selbst unsere Qualitätspresse oft gegen die genannten Kriterien verstößt.

  5. 09.08.2018 09:16


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