+ Antworten
Ergebnis 1 bis 3 von 3

Thema: Heißt es: "Den Anweisungen ist Folge zu leisten" oder "Den Anweisungen sind Folge zu leisten"?

  1. #1
    Unregistriert Gast

    Standard Heißt es: "Den Anweisungen ist Folge zu leisten" oder "Den Anweisungen sind Folge zu leisten"?

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    Vertrag eines juristischen Laien verwendete 2. Konstruktion, die sich für mich sehr seltsam anhört

    Mit folgendem Nachschlagewerk versuchte ich dieser Frage auf den Grund zu gehen:
    Google

  2. #2

    Standard Halbmodal

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

    Sprachsystem

    In Ihrer Frage geht es Ihnen um den Numerus des Verbs sein und folglich um die Frage, was hier das Subjekt des Satzes ist, das mit dem finiten Verb im Numerus übereinstimmt (= Kongruenz). Bevor wir diese Frage besprechen können, setzen wir uns mit den Besonderheiten der Konstruktion (sein als Halbmodal und Folge leisten als Funktionsverbgefüge) auseinander.

    Funktionsverben (hier: Folge leisten) zeichnen sich zunächst dadurch aus, dass sie aus einem verbalen (hier: leisten) und einem nominalen Teil (hier: Folge) bestehen. Beide Teile bilden eine Einheit, die einem einfachen Vollverb gleicht (Folge leisten vs. folgen) und können innerhalb des Satzes als Prädikat dienen. Um den Satz zu vereinfachen, könnte man demgemäß auch schreiben:
    Den Anweisungen ist/sind zu folgen.
    Als Bestandteil des Funktionsverbgefüges (ist/sind Folge zu leisten) unbeachtet blieb bislang das finite Halbmodal ist/sind in Verbindung mit der regierten (geforderten) infiniten Form zu leisten. Im Unterschied zu Modalverben (müssen, können, dürfen,…) besteht die Verbform aus dem entsprechenden Halbmodal und dem zu-Infinitiv (anstatt des reinen Infinitivs). Man spricht an dieser Stelle von einem Halbmodal, da sein + zu-Infinitiv das gleiche Merkmal (Notwendigkeit) wie das Modalverb müssen bzw. das gleiche Merkmal (Möglichkeit) wie das Modalverb können trägt. Je nach Kontext variiert bei einem Halbmodal im Gegensatz zu einem Modalverb (können: Ausdruck für Möglichkeit; müssen: Ausdruck für Notwendigkeit) jedoch die Dimension der modalen Stärke (Notwendigkeit/Möglichkeit).

    Formuliert man eine aktivische Konstruktion mit Modalverb in eine mit dem Halbmodal sein um, so können die Verbformen nicht 1:1 füreinander eingesetzt werden. Im Gegenteil, die Satzstruktur ändert sich grundlegend.
    (1) Sie [Agens] muss die Wäsche [Patiens] waschen.

    (1’) Die Wäsche [Patiens] ist [von ihr: Agens] zu waschen.

    * Sie ist die Wäsche zu waschen.
    In (1) nimmt sie die Stelle des Subjekts ein und ist Handlungsträger (Agens) des Satzes. Die Wäsche ist, funktional ausgedrückt, Akkusativobjekt und in Hinblick auf die semantische Rollenverteilung innerhalb des Satzes Patiens. Das bedeutet, dass die Wäsche zwar unmittelbar von der Handlung betroffen ist, aber die Handlung nicht selbst kontrollieren oder beeinflussen kann. Die Variante (1’) mit Halbmodal zeigt, dass der Agens dazu neigt, wegzufallen. Stattdessen wird das Patiens (die Wäsche) zum neuen Subjekt des Satzes. Dieser Vorgang wird oft als Konversion bezeichnet.

    Sätze im werden-Passiv verhalten sich ähnlich:
    (2) Aktiv: Sie [Agens] wäscht die Wäsche [Patiens].

    (2’) Passiv: Die Wäsche [Patiens] wird [von ihr: Agens] gewaschen.
    Hinzu kommt, dass auch sein ein passivfähiges Verb verlangt.
    (3*) Der Weg ist nach Hause zu schlendern.

    (3’*) Der Weg wird nach Hause geschlendert.
    Nun zu Ihrer Frage nach dem Numerus von sein:

    Wenn man sich diesbezüglich unsicher ist, bietet es sich an, den Satz umzuformulieren, indem man das Halbmodal durch das Modalverb müssen austauscht. Variante (4’) zeigt, dass man dadurch in eine Passivkonstruktion (muss/müssen geleistet werden) verfällt. Wie bereits angesprochen, stellt den Anweisungen das Patiens dar. Demnach fehlt der Handlungsträger, den man jedoch wie in (4’’) ergänzen kann.
    (4) Den Anweisungen [Patiens] ist/sind Folge zu leisten.

    (4’) Den Anweisungen [Patiens] muss/müssen Folge geleistet werden.

    (4’’) Den Anweisungen muss/müssen [von ihnen: Agens] Folge geleistet werden.
    Ein weiteres Beispiel mit dem Modalverb können, das als Merkmal Möglichkeit trägt:
    (5) Den Kindern kann nicht mehr geholfen werden.

    (5’) [Es] kann den Kindern nicht mehr geholfen werden.

    (5’’) [Es] ist den Kindern nicht mehr zu helfen.

    (5’’’) Den Kindern ist nicht mehr zu helfen.
    Da das Subjekt fehlt, wurde in Variante (5’) es als Platzhalter ergänzt. Dieses Verfahren ist sinnvoll, denn das Subjekt stimmt mit dem finiten Verb des Satzes in der Kategorie Numerus überein (Kongruenz). In dem Moment, in dem es die Stelle des Subjekts besetzt, wird deutlich, dass die richtige Form des Halbmodals ist lautet. Diesen Test kann man auch auf Ihr Beispiel übertragen:
    [Es] ist den Anweisungen Folge zu leisten.

    Den Anweisungen ist Folge zu leisten.
     


    Umfrage zum Umgang mit dieser Antwort

    War diese Antwort hilfreich für Sie? Wie gehen Sie damit um?
    Helfen Sie unserem Forschungsteam von der Universität Gießen dabei herauszufinden, wie eine solche Grammatik benutzt wird, welche Erläuterungen interessant sind und wie Sie damit umgehen. Durch die Beantwortung unseres Fragebogens tragen Sie dazu bei, die Qualität unserer Antworten und die Qualität von Grammatiken zu verbessern!

    Umfrage öffnen


  3. #3

    Standard Das Subjekt ist im Singular.

    "Den Anweisungen ist Folge zu leisten"

    Den Anweisungen > Dativobjekt (Wem oder was?)
    ist > Prädikat 1. Teil
    Folge > Subjekt (Wer oder was?)
    zu leisten. > Prädikat 2. Teil

    Das Subjekt ist im Singular.

+ Antworten

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein