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Thema: ich Armer, wir Armen

  1. #1
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    Standard ich Armer, wir Armen

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    Beim Studium

    Mit folgendem Nachschlagewerk versuchte ich dieser Frage auf den Grund zu gehen:
    Duden 9 S.42 und S. 885

    Adjektivdeklination nach Personalpronomen:

    In der Regel wird stark dekliniert, weil das Personalpronomen keine starke Endung aufweist.
    Beispiel: ich Armer (stark).

    Bei "wir" und "ihr" ist das auch der Fall. Dennoch folgt eine schwache Deklination des Substantivierten Adjektivs.
    Beispiel: ihr Armen (schwach).

    Könnten Sie erklären, warum man in diesen beiden Fällen der Regel nicht folgt?

    Ich bedanke mich schon im Voraus.

  2. #2

    Standard Apposition nach Personalpronomen

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

    Sprachsystem

    In Ihrer Frage thematisieren Sie die Adjektivflexion in Verbindung mit Personalpronomen. Wie Sie bereits erörtert haben, gibt es bestimmte Kriterien, welche zu einer unterschiedlichen Flexion von Adjektiven führen. Generell wird zwischen starker und schwacher Flexion bei Adjektiven unterschieden, je nachdem, ob das Adjektiv sogenannter Hauptmerkmalträger ist oder nicht. Als Hauptmerkmalträger zeigt das Adjektiv bestimmte grammatische Eigenschaften an, welche sonst bspw. durch einen Artikel angezeigt werden. Nun stellt sich die Frage, wie Adjektive in Verbindung mit Personalpronomen flektiert werden. Laut Dudengrammatik (Duden Band 4) fungiert das Adjektiv als Apposition zum Personalpronomen. Appositionen sind ein Attributtyp, welcher in der Regel durch Kasuskongruenz gekennzeichnet ist:
    wir Europäer, für uns Europäer, von uns Europäern (Beispiel aus der Dudengrammatik)
    Die Apposition beschreibt das Bezugswort näher und kann in der Regel auch weggelassen werden, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen:
    Wir Europäer lieben die Demokratie.
    Wir lieben die Demokratie.
    Die Demokratie wird von uns Europäern geliebt.
    Die Demokratie wird von uns geliebt.
    Laut Dudengrammatik kommt es jedoch bei Appositionen in Form von Adjektiven zu Unsicherheiten hinsichtlich der Flexion:
    mir altem Kerl – mir alten Kerl (Beispiel aus der Dudengrammatik)
    Generell gilt gemäß §1529 der Dudengrammatik, dass Adjektive in Verbindung mit Personalpronomen stark flektiert werden. Jedoch gibt es Schwankungen nach den Formen wir und ihr, da neben der starken Form auch schwach flektierte Formen der Adjektive auftreten. Die Pronomen verhalten sich in solchen Fällen wie Artikelwörter, sodass die Adjektive schwach flektiert werden, weil sie nicht mehr die Funktion des Hauptmerkmalträgers besitzen:
    Schwach: Wir Älteren sorgen jetzt dafür, dass ihr Jüngeren auch mal rankommt. (Beispiel aus der Dudengrammatik)
    Stark: Da müssen wir Ältere vielleicht einfach den Wettkampfgedanken etwas hintenanstellen. (Beispiel aus der Dudengrammatik)
    Laut Dudengrammatik sind beide Varianten der Flexion zulässig. Sie können demnach nach den Pronomen wir und ihr frei wählen, ob Sie das Adjektiv stark oder schwach flektieren möchten, da sich neben der standartsprachlich starken Variante auch die schwache Flexion etabliert hat.
     


    Sprachgebrauch

    Im Folgenden soll nun untersucht werden, wie sich die Verteilung der starken und schwachen Varianten im Sprachgebrauch darstellt. Dazu wurde eine Korpusrecherche im Deutschen Referenzkorpus durchgeführt. Gesucht wurde dabei exemplarisch sowohl nach wir arme als auch nach wir armen. Die Suche nach wir arme, also der stark flektierten Variante, ergab insgesamt 157 Treffer. Davon war nur in 5 Fällen das Adjektiv eine Apposition zum Pronomen, das entspricht etwa 3,18%. In den anderen 152 Fällen beinhaltete die Wortgruppe noch ein Substantiv (wir arme Leute):
    „Wir Arme wollen, dass alles sofort passiert.“
    Kann es nicht sein, daß wir Arme und Obdachlose, also scheinbar untüchtige Menschen, geradezu…
    Die Suche nach der schwach flektierten Variante wir armen ergab insgesamt 649 Treffer. Es wurde eine Stichprobe von 200 Treffern entnommen. Von diesen 200 Treffern entsprachen 82 Treffer der Vorgabe. Demnach entsprechen etwa 40% aller Belege der Vorgabe:
    » Im Faust endet das Zitat mit der Wendung «... ach wir Armen».
    Die Gegenüberstellung zeigt deutlich, dass die schwach flektierte Variante im Sprachgebrauch überwiegt.
     


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  3. #3
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    Standard

    Herzlichen Dank.

  4. #4

    Standard ich Armer, wir Armen

    Die korrekte Wendung "ich Armer" wird nicht verwendet, weil sich niemand selbst so bezeichnet. Man findet nur den Superlativ:

    "Ach mein Herr Jesu, wenn ich dich nicht hätte,
    Und wenn dein Blut nicht für die Sünder redte
    – Wo sollt ich Ärmster unter den Elenden
    Mich sonst hinwenden." (Gregor, 1767)

    "Germania, die alte Bärin, hat alle ihre Flöhe auf Paris ausgeschüttet und ich Aermster werde davon am unaufhörlichsten zernagt." (Meyerbeer, 1853)

    Auch das sprachlich korrekte "wir Armen" und "wir Ärmsten" kommt nirgends vor. Gefunden habe ich nur das falsche "wir Arme":

    "Gewiss aber ist, mit «wir Arme» wird nie jemand antworten, und nicht von ungefähr." (Giglione, NZZ, 2017)
    nzz.ch/feuilleton/kritik-am-opferdiskurs-du-armer-ld.1299814

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