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Thema: Was ist richtig: "nach langem, mit Geduld ertragenen Leiden" oder "nach langem, mit Geduld ertragenem Leiden"?

  1. #1
    Unregistriert Gast

    Standard Was ist richtig: "nach langem, mit Geduld ertragenen Leiden" oder "nach langem, mit Geduld ertragenem Leiden"?

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    Verfassen einer Traueranzeige

    Mit folgendem Nachschlagewerk versuchte ich dieser Frage auf den Grund zu gehen:
    Duden

    Werden die Adjektive bzw. Attribute nach der Präposition "nach" beide parallel im Dativ gebeugt oder wird das zweite Attribut schwach im Akkusativ dekliniert?

  2. #2

    Standard

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

    Sprachsystem


    Wie Sie schon – zum Teil - richtig angemerkt haben, handelt es sich bei Ihrem Zweifelsfall um die Frage, ob bei einer Abfolge zweier Adjektive beide für den Dativ Singular im Neutrum die starke Endung –em oder das zweite Adjektiv die schwache Endung –en für den Dativ Singular erhält.

    Beispiel

    (1) Er verstarb nach langem schwerem Leiden. (beide Adjektive erhalten starke Endung –em)
    (2) Er verstarb nach langem schweren Leiden. (zweites Adjektiv erhält schwache Endung –en)


    Allgemein besagt die Grundregel, dass beide Adjektive parallel flektiert (=gebeugt) werden. Somit wären Sie mit Beispiel (1) immer auf der richtigen Seite. Jedoch kann der Schreiber bzw. Sprecher mithilfe der Parallelflexion (= überall die Endung –em) und Wechselflexion (= erste Adjektiv mit der Endung –em, das zweite Adjektiv mit der Endung –en) unterschiedliche Bedeutungsakzente hinsichtlich der Adjektive ausdrücken. Denn mithilfe der Parallel- und Wechselflexion kann eine Unter- bzw. Nebenordnung der Adjektive signalisiert werden.

    Bei einer Nebenordnung der Adjektive bilden die jeweiligen Adjektive unabhängig voneinander jedes für sich ein das Substantiv ergänzendes Beschreibungselement. Bei Nebenordnung tritt laut Duden Band 9 „Richtiges und gutes Deutsch“ in der Regel Parallelflexion ein.

    Beispiel

    (3) nach langem, mit Geduld ertragenem Leiden


    Bildet das zweite Adjektiv mit dem Substantiv eine „gedankliche Einheit“, wird diese durch das erste Adjektiv modifiziert. Somit wird das erste Adjektiv dem zweiten untergeordnet. Bei Unterordnung tritt in der Regel Wechselflexion ein.

    Beispiel


    (4) nach langem, mit Geduld ertragenen Leiden


    In der Tat lässt die Festlegung, ob es sich bei bestimmten Konstruktionen um gedankliche Einheiten handelt oder nicht, im Einzelfall oft großen Interpretationsspielraum. Bei dem Adjektiv ertragenem und beim Substantiv Leiden kann man durchaus eine große gedankliche Nähe annehmen, da diese Wörter häufig in Kombination gebraucht werden.

    Um zu sehen, ob es sich bei einer Abfolge von Adjektiven um Neben- oder Unterordnung handelt, bieten sich kleine „Tests“ an:

    Bei Unterordnung kann in der Regel zwischen den Adjektiven kein und stehen.

    Beispiel

    (5) Da es um 22 Uhr noch über 20 Grad warm ist, zählt dieser Freitag nach strengem bayerischen Reinheitsgebot als Biergartentag.
    (6) *Da es um 22 Uhr noch über 20 Grad warm ist, zählt dieser Freitag nach strengem und bayerischem Reinheitsgebot als Biergartentag. (nicht möglich, da „streng“ „bayerisch“ untergeordnet ist.)


    Weiterhin können die Adjektive bei Unterordnung nicht in beliebiger Reihenfolge angeordnet werden, d.h. sie können nicht vertauscht werden.

    Beispiel

    (7) * Da es um 22 Uhr noch über 20 Grad warm ist, zählt dieser Freitag nach bayerischem und strengem Reinheitsgebot als Biergartentag.


    Wendet man diese „Tests“ auf Ihr Beispiel an, ergeben sich folgende Konstruktionen:

    Beispiel


    (8) nach langem und mit Geduld ertragenem Leid
    (9) nach mit Geduld ertragenem und langem Leid


    Zugebenermaßen wirken diese Konstruktionen etwas unnatürlich. Sie können aber, wenn dies in der Aussageabsicht des Sprechers liegt, in der Art gebraucht werden.

    Fazit
    : Ob Sie nun Parallel- oder Wechselflexion gebrauchen, hängt also von Ihrer Aussageabsicht ab.
     


    Sprachgebrauch

    Auch wenn die Dudengrammatik festhält, dass in der Standardsprache die gleichmäßig starke Flexion der Adjektive (von oxischem, schwefelhaltigem Material) vorgezogen wird, ergibt sich aus den Textsammlungen des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim enoffenbar ein anderes Bild: So stellen die Autoren vom grammatischen Informationssystem des IDS fest, dass die gleichmäßig starke und die ungleichmäßige Flexion der Adjektive etwa gleich häufig vorkommen. Dabei sind sogar Funde zu verzeichnen, die zwar dasselbe Wortmaterial, aber verschiedene Flexionsvarianten aufweisen.

    Beispiel

    (10) Bei schönem, trockenem Wetter bei der Einsiedlerkapelle beim Moosanger, bei schlechtem Wetter im Jakobihus.
    (11) Bei schönem, trockenen Wetter bei der Einsiedel-Kapelle (Wolldecke mitnehmen), bei schlechtem Wetter im Katrinahus. (Beispiele aus Grammis)
     


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  3. #3
    Unregistriert Gast

    Standard Überwiegend stimmig

    Allerdings sei angemerkt, dass auch auf die Zeichensetzung zu achten ist: Bildet das zweite Adj. mit dem Subst. eine gedankl. Einheit (Fügung), die als Gesamt durch das erste Adj. bestimmt wird, darf kein Komma stehen, da keine Gleichrangigkeit vorliegt. Konsequenterweise sollten darum ein Komma zw. den attr. Adjektiven und gemischte Flexion nicht zusammen auftreten.

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