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Thema: Wie schreibe ich, wenn ich von dem "ständigen Wasserkessel hochziehen" schreibe? Mit Bindestrich, alles groß und zusammen??

  1. #1
    Unregistriert Gast

    Standard Wie schreibe ich, wenn ich von dem "ständigen Wasserkessel hochziehen" schreibe? Mit Bindestrich, alles groß und zusammen??

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    In der Zeitung

    Mit folgendem Nachschlagewerk versuchte ich dieser Frage auf den Grund zu gehen:
    Duden

    Wie schreibt man solch eine Substantivierung? Ist es überhaupt eine ganze Substantivierung oder bleibt ein Teil (Verb) klein? Oder im Verbund mit dem Wasserkessel groß und mit Bindestrich?
    Bsp.: Er war das ständige Wasserkessel hochziehen leid.
    Es wäre sehr nett, wenn Sie mir dies beantworten würden, weil mir immer wieder Fragezeichen im Hirn schwirren, wenn ich so etwas lese....

    LG
    Hans

  2. #2
    Registriert seit
    04.07.2014
    Ort
    Gießen
    Beiträge
    85

    Standard Bildung und Schreibweise komplexer Komposita

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

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    Bei Ihrem Zweifelsfall geht es um den Bereich der Wortbildung. Sie möchten wissen, wie Ihre okkasionelle Wortschöpfung (= ein für einen bestimmten Zweck gebildetes Wort) hinsichtlich der Getrennt- und Zusammenschreibung richtig ist. Ihr Beispiel ist die Nominalgruppe (das) ständige Wasserkesselhochziehen, die aus einem Adjektiv und einem Substantiv, das durch Komposition gebildet wurde, besteht. Zunächst werden wir sehen, weshalb das Adjektiv nicht Teil des Substantivs ist, und danach, welche Wortbildungsverfahren an der Entstehung von Wasserkesselhochziehen beteiligt sind. Abschließend wird geklärt werden, wann man den Bindestrich zur Hervorhebung benutzt.

    Obwohl die Anzahl der Fälle, in denen ein Kompositum (= ein aus mindestens zwei Wörtern zusammengesetztes Wort) aus einem Adjektiv und einem Nomen gebildet wird, im Vergleich zu beispielsweise Nomen-Nomen-Komposita seltener ist, lassen sich dennoch leicht viele Beispiele aus der Alltagssprache finden.

    Beispiel


    (1) Großhandel
    (2) Kurzurlaub
    (3) Schnellstraße
    (4) Höchsttemperatur
    (5) Armeleuteessen
    (6) *Ständigewasserkesselhochziehen


    Die Kennzeichnung durch den Asterisk (= Sternchen), weist darauf hin, dass Beispiel 6 inkorrekt ist. Dies liegt daran, dass das Adjektiv ständig nicht wie in den anderen Fällen in eindeutiger Beziehung zu seinem Bezugswort steht. So handelt es sich bei den Komposita 1 bis 5 um feste Verbindungen, während ständig nur attributiv zu Wasserkesselhochziehen verwandt wird (vgl. Duden 9: 548; „Kompositum“). Die nachstehenden Beispiele veranschaulichen die eindeutige Beziehung zwischen Adjektiv und Bezugswort.

    Beispiel


    (7) Großhandel = Wirtschaftszweig, in dem mit großen Mengen gehandelt wird
    (8) Kurzurlaub = kurzer Urlaub
    (9) Schnellstraße = gut ausgebaute Straße für Schnellverkehr
    (10) Höchsttemperatur = höchste Temperatur
    (11) Armeleuteessen = sehr einfaches Essen, das sich arme Leute leisten können


    Der bislang beiläufig eingeführte Begriff Komposition beschreibt eine der produktivsten Wortbildungsarten des Deutschen, bei der sich aus der Verbindung von mindestens zwei Wörtern ein neues Wort ergibt. Bei Wasserkesselhochziehen handelt es sich um eine Determinativkompositum, was heißt, dass der zweite Teil durch den ersten bezüglich seiner Bedeutung näher bestimmt wird (vgl. grammis: „Komposition“, http://hypermedia.ids-mannheim.de/ca...sicht?v_id=130). Entsprechend geht es hier nicht in erster Linie um einen Wasserkessel, stattdessen steht das Hochziehen im Fokus. Was hierbei irritierend wirken kann, ist, dass es sich bei Wasserkessel und Hochziehen selbst um Komposita handelt, wobei Hochziehen sogar noch etwas komplexer ist, was wir gleich sehen werden.

    Beispiel


    (12) Wasser (Substantiv) + Kessel (Substantiv) = Wasserkessel (Substantiv)
    (13) hoch (Adjektiv) + ziehen (Verb) = hochziehen (Verb)


    Dass immer die zweite Einheit im Vordergrund steht, lässt sich auch gut daran erkennen, dass jene die Wortart des Wortbildungsprodukts vorgibt. Weiterhin zeigt dies, dass das Verb in unserem Fall substantiviert werden muss, was hinsichtlich der Wortbildungsarten als Konversion bezeichnet wird. Bei der Konversion werden hauptsächlich Substantive aus Verben und Adjektiven gebildet, wobei für uns besonders der erste Fall relevant ist. Die Ausgangsform dieser Wortbildungsart sind der Infinitiv (ziehen -> das Ziehen), „sowie der Präsens-, Präterial- oder Partizipialstamm einfacher und komplexer Verben (kaufen -> der Kauf, binden -> der/das Band, fortschreiten -> der Fortschritt)“ (Duden 4: 725; Randnummer 1104). Dem deverbalen Substantiv Hochziehen liegt dementsprechend ein Infinitiv zugrunde.

    Da unser Determinativkompositum aus dem Substantiv Kessel und dem deverbalen Substantiv Hochziehen gebildet wurde, können wir es noch einer spezifischeren Untergruppe von Determinativkomposita zuordnen, den Rektionskomposita . Von einem Rektionskompositum spricht man, wenn durch die deverbale zweite Einheit des Kompositums eine Leerstelle eröffnet wird, die sozusagen vom Verb geerbt wurde (vgl. Duden 4: 719; Randnummer 1097). Bei Hochziehen wäre diese Leerstelle ein Akkusativobjekt. Ähnlich wie in einem Satz wird diese Leerstelle bei der Wortbildung besetzt.

    Beispiel


    (14) Er zieht den Kessel hoch.
    (15) das Kesselhochziehen


    Andere Rektionskomposita, die analog zu Wasserkesselhochziehen gebildet werden, sind beispielsweise (das) Eislaufen und (das) Teetrinken. Beide Beispiele wurden aus einen Substantiv und einem deverbalen Substantiv, das der Infinitivform entspricht, gebildet.

    Zuletzt soll es nun noch um die Schreibweise mit oder ohne Bindestrich gehen. Vorab ist hierbei anzumerken, dass es sich immer bei der Verwendung des Bindestrichs zur Hervorhebung um Kann-Regeln und nicht um Soll-Regeln handelt. Folglich ist man zumindest bei dieser Art des Bindestrichs, der sich beispielsweise vom Ergänzungsbindestrich unterscheidet, auf der sicheren Seite, wenn man ihn weglässt. Die Regel lautet nämlich, dass „Komposita im Allgemeinen zusammengeschrieben [werden], ganz gleich, ob ihre Bestandteile einfach oder selbst schon zusammengesetzt sind“ (Duden 9: 172; „Bindestrich“). Nichtsdestotrotz gibt es einige Fälle, in denen es sinnvoll sein kann, ihn einzusetzen.

    Einer dieser Fälle könnte Wasserkesselhochziehen sein, wenn man der Meinung wäre, dass dieses Kompositum unübersichtlich ist. Dann könnte man dort einen Bindestrich setzen, wo sich bei sinngemäßer Auflösung der Verbindung die Hauptfuge ergäbe (vgl. Duden 9: 172; „Bindestrich“).

    Beispiel


    (16) Wasserkessel-Hochziehen


    Ebenfalls angebracht ist der Bindestrich, wenn durch ihn Missverständnisse vermieden werden können, die dadurch auftreten, dass nicht klar ist, wo die erste Einheit aufhört und folglich die zweite beginnt, da verschiedene Varianten mit unterschiedlichen Bedeutungen denkbar sind. Beim Beispiel „Druckerzeugnis, das sowohl Druck-Erzeugnis wie Drucker-Zeugnis bedeuten könnte“ (Duden 9: 173; „Bindestrich“), wird dies deutlich.

    Ein weiterer Grund für die Verwendung des Bindestrichs wäre das „Zusammentreffen von drei gleichen Vokalbuchstaben in substantivierten Komposita“ (ebd.). Es gibt also zwei mögliche Schreibweisen bei Wörtern wie „Tee-Ernte / Teeernte [und] See-Elefant / Seeelefant“ (ebd.), wobei die jeweils erste Schreibung, also mit Bindestrich, empfohlen wird.

    Fazit: Wasserkesselhochziehen ist ein Rektionskompositum, das durch das Attribut ständig näher bestimmt wird. Allerdings steht ständig nicht etwa wie klein bei Kleinkind in einer so eindeutigen Beziehung zu dem Substantiv, dass es sich mit jenem zu einem Kompositum verbinden könnte. Die Schreibweise als entweder Wasserkesselhochziehen oder Wasserkessel-Hochziehen richtet sich danach, ob das Kompositum als unübersichtlich empfunden wird. Ist dies der Fall, kann es mit Bindestrich geschrieben werden, obligatorisch ist dies aber nicht.
     


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    Geändert von Dennis Koch (10.08.2014 um 12:55 Uhr)

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