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Thema: Genitiv mit -s oder ohne s

  1. #1

    Standard Genitiv mit -s oder ohne s

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    In der Arbeit einer Studierenden

    Mit folgendem Nachschlagewerk versuchte ich dieser Frage auf den Grund zu gehen:
    ich kenne keines

    Ich lese
    « Geschichte des vereinten Europa » (Buchtitel)
    « Vision eines geeinten Europas »
    Ich möchte eine gut verständliche Erklärung

  2. #2

    Standard Genitivmarkierung bei Eigennamen

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

    Sprachsystem

    In Ihrer Frage thematisieren Sie, inwieweit der Genitiv an Substantiven kenntlich gemacht werden muss. In der Dudengrammatik (Duden Band 4) ist unter §1534 die sogenannte Genitivregel zu finden. Diese besagt, dass in einer Nominalgruppe im Genitiv mindestens eine Wortform die Endung -s/-es oder -er erhalten muss. Unter einer Nominalgruppe im Genitiv ist zunächst ein Wort oder eine Wortgruppe zu verstehen, welche im Genitiv steht. Je nachdem, ob die Phrase im Singular oder Plural steht, soll mindestens eines der Wörter der Phrase durch eine der Endungen die gesamte Phrase als Nominalgruppe im Genitiv kenntlich machen. Zur Verdeutlichung werden die Nominalgruppen im Genitiv im Folgenden durch Unterstreichung hervorgehoben:
    1. Das Auto des Vaters steht im Hof.
    2. Das Spielzeug eines Jungen liegt verstreut im Wohnzimmer.
    3. Wir gedenken unserer Verstorbenen.
    4. Die Lehrer nahmen sich der Schüler an.
    5. Das Katzenfutter der Katze stand im Flur.
    Die Beispiele zeigen die verschiedenen Möglichkeiten des Deutschen, die Genitivregel umzusetzen. In den ersten beiden Beispielen steht die Nominalgruppe im Genitiv im Singular. In beiden Fällen wird der Genitiv bereits am Artikel (des/ eines) deutlich. Im Fall des Substantiv Vaters erhält auch dieses Substantiv ein -s zur Markierung des Genitivs, worauf im Anschluss an die Erläuterung der Beispiele eingegangen wird. Die Beispiele 3 und 4 zeigen eine Nominalgruppe im Genitiv im Plural. Hier wird der Genitiv durch die Endung -er deutlich. Auch im Singular kann die Endung -er bei Feminina den Genitiv markieren, was am Artikel der deutlich wird.
    Um zu zeigen, dass es auch Abweichungen von dieser Regel geben kann, soll zunächst auf die Genitivmarkierung bei Substantiven in Abhängigkeit ihrer Deklinationsklasse eingegangen werden. Inwieweit ein Substantiv eine Genitivendung erhält, ist nämlich abhängig von der Flexion bzw. Deklinationsklasse der Substantive. Substantive der starken Deklination erhalten im Genitiv Singular ein -s:
    der Vater -> des Vaters
    das Kind -> des Kindes
    das Echo -> des Echos
    Hingegen wird der Genitiv bei Substantiven der schwachen Deklination durch die Endung -en markiert:
    der Architekt -> des Architekten
    Darüber hinaus gibt es Substantive, welche auch im Genitiv endungslos bleiben:
    die Mutter -> der Mutter
    die Katze -> der Katze
    Jedoch bleibt die Genitivregel bestehen, da die Artikel den Kasus weiterhin anzeigen. Festzuhalten ist jedoch, dass der Genitiv nicht immer am Substantiv erkennbar ist.
    Nachdem nun grundlegendes zur Genitivmarkierung gesagt wurde, soll nun auf Ihr Beispiel eingegangen werden. Sie haben hier zwei Varianten gegenübergestellt:
    1. Geschichte des vereinten Europa
    2. Vision eines geeinten Europas
    In beiden Fällen wird der Genitiv durch die Artikel markiert, jedoch unterscheidet sich die Genitivendung im Falle des Substantivs Europa. Im ersten Beispiel tritt dieses Substantiv ohne Genitivendung auf, im zweiten Beispiel jedoch wird der Genitiv auch am Substantiv durch -s gekennzeichnet. Laut dem Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle (Duden Band 9) kommt es bei geographischen Eigennamen zu Schwankungen hinsichtlich der Genitivmarkierung:
    des Inns/ des Inn (Beispiel aus Duden Band 9)
    des Kongos/ des Kongo (Beispiel aus Duden Band 9)
    Als Grund für die Schwankung wird angegeben, dass die Endungen zwecks Verständlichkeit für den Leser weggelassen werden können, da der Eigenname ohne Genitivendung besser erkannt werde. Im Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle wird jedoch auf die besondere Verbindung von Artikel + Adjektiv + geographischer Name eingegangen, wie es auch in Ihren Beispielsätzen der Fall ist. Dazu ist festzuhalten, dass in diesen Fällen die Variante mit Genitiv-s korrekt ist, mittlerweile jedoch auch die Variante ohne Genitiv-s verwendet werden kann:
    Die Länder des heutigen Europas/ Europa (Beispiel aus Duden Band 9)
    des zerstörten Dresdens/ Dresden (Beispiel aus Duden Band 9)
     


    Sprachgebrauch

    Durch eine Sprachgebrauchsanalyse soll im Folgenden untersucht werden, ob der Eigenname Europa häufiger mit oder ohne Genitivendung im Sprachgebrauch vorkommt. Dazu wurde eine Recherche mit dem Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) durchgeführt. Diese ergab für die endungslose Variante des Europa insgesamt 661Treffer:
    …der Internationalen Paneuropa-Union und in dieser Funktion einer der "Baumeister" des Europa, wie wir es heute kennen. (DeReKo)
    Die EU-Kandidatin erklärte die Friedensidee zur Triebfeder des Europa (DeReKo)
    Es wurde aus dieser Treffermenge eine Stichprobe von 200 Treffern genommen. Diese zeigt, dass jedoch nur 69 Treffer von 200 der Vorgabe, endungslos zu sein, entsprachen. Von den 200 Treffern war „Europa“ nämlich 131 Mal Bestandteil eines Kompositums, also einer Zusammensetzung, wie in dem folgenden Beispiel:
    Die Endrunde des „Europa Nationenpokal“ genannten Turniers wurde erneut mit vier Mannschaften… (DeReKo)
    Mit dem Titel des Europa- und Weltmeisters im Gepäck reist der Helmstedter ins Brunnentheater… (DeReKo)
    Folglich ergibt die Hochrechnung für endungslose Variante rund 230 Treffer für des Europa.
    Die Suche nach der Variante mit Genitiv-s des Europas ergab insgesamt Treffer 222:
    …die seines Erachtens England als völlig ungeeignet erscheinen lassen, ein Teil des Europas zu werden, das er sich vorstellt. (DeReKo)
    Hier gab es keine Belege, welche dem Suchmuster nicht entsprachen.
    Die Sprachgebrauchsanalyse zeigt demnach, dass die endungslose Variante sowie die Markierung durch Genitiv-s gleichermaßen im Sprachgebrauch etabliert sind.
    Zudem wurde auch nach der Nominalgruppe im Genitiv mit einem Adjektivattribut gesucht, also des [Adjektiv] Europa beziehungsweise des [Adjektiv] Europas, um die Angabe des Wörterbuchs der sprachlichen Zweifelsfälle zu überprüfen.
    Die Variante des [Adjektiv] Europa ergab 210 Treffer:
    Das hängt mit einer gewissen Überheblichkeit des alten Europa zusammen. (DeReKo)
    Die Variante des [Adjektiv] Europas ergab 182 Treffer:
    Polen solle sich auch stärker in der Debatte um die Zukunft des «gemeinsamen Europas» engagieren. (DeReKo)
    In einer Nominalgruppe mit Genitiv mit Adjektivattribut tritt die endungslose Variante „des [Adjektiv] Europa“ etwas häufiger auf.
     


    Fazit
    Es ist festzuhalten, dass innerhalb einer Nominalgruppe im Genitiv mindestens ein Wort Merkmalträger des Kasus Genitiv ist. In der Regel ist der Genitiv an den Artikeln der Wortgruppe ersichtlich. Inwieweit der Genitiv am Substantiv markiert wird, hängt von der Deklinationsklasse des Substantivs zusammen. Besonders bei geographischen Eigennamen kommt es jedoch zu Schwankungen, ob der Genitiv markiert wird oder nicht. Generell sind jedoch sowohl die markierte als auch die unmarkierte Variante aufgrund der hohen Varianz möglich. Da jedoch auch in den Nominalgruppen im Genitiv Ihrer Beispiele geographische Eigennamen mit Artikel vorliegen, wird in solchen Fällen die Genitivregel nicht verletzt. Die Sprachgebrauchsanalyse zeigt, dass besonders in einer Nominalgruppe mit Adjektiv die endungslose Variante etwas häufiger vorkommt.


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    Geändert von Vanessa Langsdorf (15.03.2019 um 13:40 Uhr)

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