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Thema: Ist es möglich dem Verb "zagen" das Adjektiv "zager" zu entlehnen oder ist hierfür nur die gebräuchliche Form "zaghaft" möglich bzw. sinnvoll?

  1. #1

    Standard Ist es möglich dem Verb "zagen" das Adjektiv "zager" zu entlehnen oder ist hierfür nur die gebräuchliche Form "zaghaft" möglich bzw. sinnvoll?

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    Ich wollte nicht zaghaft schreiben, da es mir zu habtisch konnotiert ist für meinen Kontext.

    Mit folgendem Nachschlagewerk versuchte ich dieser Frage auf den Grund zu gehen:
    Wahrig - Deutsches Wörterbuch
    Geändert von Boris121 (17.07.2014 um 22:40 Uhr) Grund: hatte mich verschrieben

  2. #2
    Registriert seit
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    Ort
    Gießen
    Beiträge
    85

    Standard 'Zage' als Synonym für 'zaghaft'

    Sprachsystem


    Ihre Frage betrifft die Wortbildung von Adjektiven. Sie schlagen vor, aus dem Verb zagen durch Suffixderivation (=Suffigierung), also das Anhängen des Suffixes –er an den Wortstamm zag-, ein neues Adjektiv zu bilden. Von Entlehnung würde man in diesem Zusammenhang nicht sprechen, da entlehnte Wörter immer aus anderen Sprachen stammen.

    Zunächst muss jedoch die Form von zager bestimmt werden, da es sich bei –er um kein Suffix zur Adjektivbildung handelt. Typische Suffixe, die zur Adjektivbildung verwendet werden, sind beispielsweise –ig, -lich und –haft (vgl. grammis 2.0, Suffixadjektive).

    Beispiel


    (1) gütig
    (2) freundlich
    (3) scherzhaft


    Es scheint sich bei zager eher um eine bereits flektierte (=gebeugte) Form zu handeln, wie Beispiel 4 zeigt.

    Beispiel


    (4) zager Versuch


    Entsprechend wäre zager die stark flektierte Form der Grundform zage. Dass ein Adjektiv stark flektiert ist, bedeutet, dass man anhand seiner Form Kasus, Numerus und Genus der Phrase eindeutig bestimmen kann. An zager erkennt man, dass es sich um die stark flektierte maskuline Form von zage im Nominativ Singular handeln muss.
     


    Sprachgeschichte


    Laut Herkunftswörterbuch des Dudenverlags lässt sich das Adjektiv zag oder zage bis ins Mittelhochdeutsche zurückverfolgen und bedeute ‚feige‘ und ‚furchtsam‘. Das mittelhochdeutsche Verb zagen sei aber noch älter, heiße ‚feige/furchtsam sein‘ und stamme vom althochdeutschen er-zagēn ab, mit dem man ausdrücke, dass jemand furchtsam werde (vgl. Duden 7: 937; Lemma zag). Zieht man das „Deutsche Wörterbuch von Wilhelm und Jacob Grimm“ weiterhin zu Rate, erfährt man, dass es im Mittelhochdeutschen einen Bedeutungswandel gegeben habe. Zuvor sei es nämlich ausschließlich benutzt worden, um auf Feiglinge im Kampf zu verweisen, während es dann durch eine Sinnverschiebung in erster Linie auf Fälle beschränkt wurde, in denen es um jemanden ging, der im Allgemeinen scheu, unentschlossen oder zurückhaltend war. Nichtsdestotrotz blieb die negative Konnotation erhalten. Weiterhin heißt es, dass es in der dichterischen Sprache häufiger vorkomme, da das Wort zaghaft im gewöhnlichen Sprachgebrauch überwiege. Dies deckt sich auch mit dem Universalwörterbuch des Duden, in dem es ebenfalls zu finden und mit dem Zusatz ‚gehoben‘ gekennzeichnet ist, was darauf hinweist, dass es zwar noch gebräuchlich ist, aber überwiegend in formellen Kontexten verwendet wird (vgl. 2038; Lemma zag, zage).

    Da das Verb schon länger existiert, muss die Bildung des Adjektivs auf das Verb zurückgehen. Bei dieser Wortbildung wurde aber kein Affix angehängt, weswegen es sich nicht um Derivation handeln kann. Stattdessen ist dies ein Fall von Konversion, eine Wortbildungsart, die ohne das Zutun von Affixen ein Wort in eine andere Wortart verwandelt (vgl. Duden 4: 667; Randnummer 1008).
     


    Sprachgebrauch


    Dass es sich bei zage um ein gehobenes Wort handelt, legt bereits nahe, dass es eher selten Verwendung findet. Ein genaueres Bild von der Häufigkeit erhält man durch eine Korpusanalyse mit COSMAS II. So gibt es für zage 38 Treffer in allen öffentlichen Korpora des Archivs der geschriebenen Sprache, wohingegen zaghaft, ein Synonym für zage, das zum Vergleich herangezogen wurde, auf 7935 Treffer kommt.

    Da zage offensichtlich nicht besonders gebräuchlich ist, kann man davon ausgehen, dass es nicht jedem bekannt ist. Möchte man es daher ersetzen, helfen die alternativen Varianten des Wortes zaghaft im Synonymwörterbuch des Dudenverlags. Darin werden ängstlich, beklommen, scheu, schüchtern, unentschlossen, unsicher, verschämt, vorsichtig, zögerlich, zögernd und zurückhaltend als sinnverwandte Wörter vorgeschlagen. Zage wird auch in diesem Nachschlagewerk genannt und ebenfalls der gehobenen Sprache zugeordnet (vgl. Duden 8: 1067; Lemma zaghaft).

    Fazit: Zage ist ein Adjektiv des Deutschen, das ursprünglich durch Konversion aus dem Verb zagen gebildet wurde. Da es heutzutage der gehobenen Sprache zugerechnet wird, taucht es nur noch sehr selten auf, wie sich mit einer Korpusanalyse im direkten Vergleich mit zaghaft zeigen ließ. Gleichzeitig sieht man an dem Ergebnis aber auch, dass es noch immer in Gebrauch ist.
     


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    Geändert von Dennis Koch (15.10.2014 um 02:09 Uhr)

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