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Thema: Relativpronomen dessen/von dem

  1. #1
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    Standard Relativpronomen dessen/von dem

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    Unterricht

    Welcher der folgenden Sätze ist korrekt?

    der Mann, dessen schwerer Koffer im Bahnhof gestohlen wurde

    oder

    der Mann, von dem der schwere Koffer im Bahnhof gestohlen wurde

  2. #2
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    Standard

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

    Sprachsystem


    Ihre Grammatikfrage betrifft die Möglichkeiten des relativischen Satzanschlusses. Die zwei von Ihnen vorgeschlagenen Varianten unterscheiden sich dahingehend, wie der Relativsatz eingeleitet wird.

    In Beispiel 1 wird der Relativsatz durch das Relativpronomen dessen eingeleitet. Das Relativpronomen im Genitiv leitet prototypisch einen Satz ein, mit dem der Besitz einer Person artikuliert wird. Man spricht hier von einem Genitivus possessivus. Der Nebensatz drückt entsprechend aus, dass der gestohlene Koffer dem genannten Mann gehörte.

    Die Frage ist nun, ob eine Einleitung des Nebensatzes mit von + dem (Relativpronomen im Dativ) – wie in Beispiel 2 – ebenfalls möglich ist.

    Laut Duden 9 Richtiges und gutes Deutsch kann Possession nicht nur mittels des eben eingeführten Genitivus possessivus artikuliert werden kann, sondern auch mithilfe einer Präpositionalgruppe, die mit von eingeleitet wird. Dies wird am folgenden Beispiel veranschaulicht:

    Beispiel

    das Haus meiner Eltern (= Genitivus possessivus)
    das Haus von meinen Eltern (= Präpositionalgruppe mit von)


    Die unterstrichenen Wortgruppen übernehmen in den jeweiligen Wortgruppen dieselbe Funktion trotz unterschiedlicher grammatischer Realisierung. Es stellt sich die Frage, ob dieses Prinzip auch auf die Einleitung des Relativsatzes übertragen werden kann.

    Leider findet sich weder im Duden 9 noch in der Dudengrammatik ein Verweis, ob eine solche Übertragung möglich ist. Prinzipiell lässt sich jedoch sagen, dass bei der Variante der Mann, von dem der schwere Koffer im Bahnhof gestohlen wurde, ebenfalls ein Relativsatz vorliegt. Ob dieser jedoch auch funktionsgleich ist, ist zumindest in den genannten Nachschlagewerken nicht geklärt. Bei dieser Formulierung entsteht jedoch das Problem, dass der Satz strukturell mehrdeutig ist. Zum einen kann die intendierte Bedeutung verstanden werden, dass die Koffer des Manns gestohlen wurden. Zum anderen kann der Satz aber auch bedeuten, dass der Mann der Dieb der Koffer war. Dies hängt damit zusammen, dass das Verb im Nebensatz im Passiv steht. Bei Formulierungen im Passiv wird mit einer Wortgruppe mit von in der Regel derjenige angegeben, der die Handlung ausübt, was das folgende Beispiel zeigen soll:

    Beispiel

    Das Haus wird von den Bauarbeitern gebaut.


    In der Linguistik wird dieser Handelnde als Agens bezeichnet. Die Wortgruppe von dem ist vor diesem Hintergrund mehrdeutig. Dadurch, dass das Verb stehlen im Passiv steht, kommt nämlich der Mann als Handelnder in Betracht. Entsprechend wäre die Variante mit dem Relativpronomen dessen eine eindeutigere Formulierung.
     


    Sprachgebrauch


    Da sich weder im Duden 9 noch in der Dudengrammatik ein eindeutiger Hinweis zum Gebrauch von von + Relativpronomen als Einleitung für einen possessiven Nebensatz findet, wurde mithilfe von Cosmas II, der digitalen Belegsammlung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS), und Google eine kleine Untersuchung des Sprachgebrauchs durchgeführt. Dabei wurde nach den folgenden beiden Varianten gesucht:

    COSMAS IIGoogle
    Man, dessen ca. 5.558 Treffer ca. 346.000 Treffer
    Man, von dem ca. 1.663 Treffer ca. 490.000 Treffer

    Generell lässt sich aus der Tabelle erkennen, dass es in Cosmas II mehr Treffer für den Anschluss mit dem Relativpronomen dessen gibt, während bei Google der Anschluss mit von dem überwiegt. Dabei gilt jedoch zu berücksichtigen, dass bei der Verwendung von Mann, von dem nicht immer eine Besitzrelation ausgedrückt wird, was die folgenden Beispiele exemplarisch belegen sollen:

    Beispiel

    Der Mann, von dem ich berichten will, verdient 31 Franken im Monat. (A99/SEP.65094 St. Galler Tagblatt, 18.09.1999, Ressort: TB-AMR (Abk.); 31 Franken Monatslohn)

    Oder dass mich bei der Einweihung eines Einkaufszentrums in Bern ein Mann, von dem ich einen Ballon erhielt, fragte, ob ich schon einmal hier gewesen sei, was ich verneinte. (A10/MAI.05609 St. Galler Tagblatt, 19.05.2010, S. 33; Nachgefragt)


    Es finden sich jedoch auch Treffer, bei denen mit dem Anschluss mit von dem ein Possession ausdrückender Nebensatz eingeleitet wird, wie in:

    Beispiel

    Statt sich auf ihre bevorstehende Hochzeit mit ihrem Lebenspartner Walter zu freuen, verliert sich Annie in romantischen Phantasien über den Mann, von dem sie nur die Stimme kennt. (A08/APR.09647 St. Galler Tagblatt, 24.04.2008, S. 27)

    Nach dem Coup ergriff der Mann, von dem eine Personsbeschreibung vorliegt, die Flucht. (N00/SEP.41575 Salzburger Nachrichten, 13.09.2000, Ressort: ÖSTERREICH; Nach Kündigung mit Hammer gegen Ex-Chef)

    Ein Mann, von dem Fingerabdrücke genommen werden sollten, schnappte eine Waffe und feuerte auf Polizisten -zwei Beamte wurden am Bein verletzt. (HMP13/MAR.01557 Hamburger Morgenpost, 16.03.2013, S. 53; TELEGRAMM)


    Diese hier angeführten Treffer ähneln Ihrem Beispiel, funktionieren jedoch auch nicht vollkommen identisch. Zudem sind Treffer wie diese bei genauerer Betrachtung in der absoluten Minderheit, sodass im Sprachgebrauch wahrscheinlich der Anschluss mit dessen bevorzugt werden würde und in Ihrem Beispiel auch die Eindeutigkeit gewährleistet.

    Hinweis zu Googledaten: Die Sprachgebrauchsdaten werden mit dem wissenschaftlich fundierten Recherchesystem des Instituts für deutsche Sprache Mannheim COSMAS II erhoben und durch Googlebefunde ergänzt. Die ergänzende Googlesuche ist notwendig, da in der Textsammlung des IdS (DeReKo = Deutsches Referenzkorpus), obwohl diese inzwischen 24 Milliarden Wortformen umfasst, die gefragten Varianten häufig nur relativ selten vorkommen. Bei Google finden sich häufig deutlich mehr Treffer, die Zahlen sind aber aus den folgenden beiden Gründen mit Vorsicht zu genießen:

    1. Google unterscheidet nicht zwischen "echten" Sprachgebrauchstreffern und metasprachlichen Diskussionen. Die Frage zu downgeloadet/gedownloadet in unserem Forum bspw. ist auch ein Treffer bei Google. Insgesamt betrachtet machen die metasprachlichen Diskussionen aber in aller Regel den deutlich geringeren Anteil an den Gesamttreffern aus.

    2. Google bemüht sich um personalisierte und schnelle Suchergebnisse, die Treffergenauigkeit steht hier also nicht im Vordergrund. Dennoch - und deshalb wird hier trotz der genannten Einschränkungen auf Google zurückgegriffen - lassen sich doch Eindrücke über allgemeine Gebrauchstendenzen gewinnen.
     


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