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Thema: Heißt es: Ich ziehe MIR die Schuhe an oder ich ziehe die Schuhe an? Oder ist beides gleichwertig richtig?

  1. #1
    Elke Gast

    Standard Heißt es: Ich ziehe MIR die Schuhe an oder ich ziehe die Schuhe an? Oder ist beides gleichwertig richtig?

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    beim Korrekturlesen eines Textes

    Mit folgendem Nachschlagewerk versuchte ich dieser Frage auf den Grund zu gehen:
    Google und Duden

    Bei meiner Recherche nach dieser Frage kam ich zu keinem eindeutigen Ergebnis, ob das Verb anziehen auch bei Verwendung eines Akkusativobjekts, also z.B. die Schuhe, Jacke oder sonstiges Kleidungsstück anziehen reflexiv bleibt, wenn man es sich selbst anzieht – bzw. sollte das "sich" dann hin als das zugehörige Dativobjekt?

  2. #2

    Standard Reflexivpronomen

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

    Sprachsystem


    Ihre Frage bezieht sich auf die Verwendung des Reflexivpronomens sich bzw. des reflexiv gebrauchten Personalpronomens mir im Satz Ich ziehe (mir) die Schuhe an. Das Verb anziehen zählt zu den sogenannten unechten reflexiven Verben, bei denen das Reflexivpronomen zusätzlich oder anstelle von anderen Ergänzungen verwendet werden kann. Im Gegensatz dazu können echte reflexive Verben nur reflexiv verwendet werden (sich schämen).

    Die Frage richtet sich damit auf die Valenz des Verbs anziehen. Unter Valenz wird die Fähigkeit eines Verbs verstanden, den Satz hinsichtlich seiner Konstituenten festzulegen und diese bezüglich ihrer Formeigenschaften zu bestimmen. Das Verb fordert also verschiedene Mitspieler im Satz, die je nach Verwendung in unterschiedlichen Kasus stehen. Laut E-Valbu, dem elektronischen Valenzwörterbuch des Instituts für deutsche Sprache, wird bei anziehen im Sinne von Kleidung anlegen unterschieden zwischen jemand zieht jemanden an und jemand zieht jemandem etwas an.

    Bei jemand zieht jemanden an sind der Nominativ und der Akkusativ obligatorisch. Als Akkusativ kann wird hier häufig das Reflexivpronomen sich verwendet:

    Beispiel

    Sie zieht ihren Jungen an.
    Er zieht sich an.

    Bei jemand zieht jemandem etwas an sind auch der Nominativ und der Akkusativ obligatorisch, der Dativ ist hier fakultativ. Es ändern sich jedoch die semantischen Rollen im Satz, sodass das Kleidungsstück im Akkusativ steht und das Reflexivpronomen sich als Dativ verwendet werden kann.

    Beispiel

    Sie zieht ihrem Jungen die Jacke an.
    Er zieht sich die Schuhe an.

    Für den Beispielsatz Ich ziehe (mir) die Schuhe an kann also festgehalten werden, dass der Satz sowohl mit als auch ohne dem reflexiv gebrauchten Personalpronomen mir stehen kann, da das Verb anziehen zum einen zu den unechten reflexiven Verben zählt, bei denen das Reflexivpronomen zusätzlich verwendet werden kann, und zum anderen der Dativ in jemand zieht jemandem etwas an aus valenztheoretischer Perspektive fakultativ ist. Ob bezüglich der Verwendung des Reflexivpronomens bei anziehen Tendenzen gibt, kann eine Analyse des Sprachgebrauchs zeigen.
     


    Sprachgebrauch


    Mit Hilfe der Applikation Cosmas II kann eine Analyse in den Sprachkorpora des Instituts für deutsche Sprache durchgeführt werden. Bei der Analyse wurden nur diejenigen Ergebnisse berücksichtigt, in denen anziehen im Sinne von jemand zieht jemandem etwas an verwendet wurde. Um möglichst präzise Rückschlüsse auf den Beispielsatz ziehen zu können, wurde nur nach Formen in der 1. Person Singular gesucht. Die Analyse liefert folgende Ergebnisse:
    Reflexive Verwendung von anziehen: 8 Belege
    Bsp.: Und wenn ich dann noch nicht müde bin, ziehe ich mir meinen Schlafanzug an, lege mich in mein kuscheliges, warmes Bett und lese ein paar Seiten in meinem Fünf-Freunde-Buch. (Braunschweiger Zeitung 3.12.2008)
    Nicht-reflexive Verwendung von anziehen: 66 Belege
    Bsp.: Ich glaube, heute ziehe ich wieder eine lange Hose an oder bleibe während der Pause in der Redaktion. (Braunschweiger Zeitung 6.8.2009)
    Es scheint also eine Tendenz zur nicht-reflexiven Verwendung vorzuliegen. Bei der näheren Betrachtung der Belege fällt aber auf, dass mit der Verwendung leichte Bedeutungsunterschiede einhergehen. Während bei der reflexiven Verwendung der Vorgang des Anziehens betont wird, steht bei der reflexiven Verwendung eher das Resultat im Vordergrund (im Sinne von anhaben). Die Anzahl der Belege ist jedoch zu gering, um fundierte Aussagen treffen zu können.
     


    Fazit: Für das Beispiel Ich ziehe (mir) die Schuhe an sind beide Varianten möglich. Aufgrund der Ergebnisse der Sprachgebrauchsanalyse kann im jeweiligen Kontext entschieden werden, ob eher der Vorgang des Anziehens (reflexive Verwendung) oder das Anhaben als Resultat des Vorgangs (nicht-reflexive Verwendung) im Vordergrund steht.


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