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Thema: Kann man sagen, ich esse/trinke MIR etwas?

  1. #1
    Unregistriert Gast

    Standard Kann man sagen, ich esse/trinke MIR etwas?

    Wie ich auf die Frage gestoßen bin:
    Diskussion mit Freunden

  2. #2

    Standard Valenz der Verben 'essen' und 'trinken'

    Die Beantwortung Ihrer Frage ist Teil eines Forschungsprojekts zur Verständlichkeit von grammatischen Erklärungen. Wir bitten Sie deshalb darum, im Anschluss an die Lektüre der Antwort die Tools zur Bewertung (Fragebogen, Sternchenfunktion, Antwortoption) zu nutzen.

    Sprachsystem


    Ein Verb ist das Zentrum eines Satzes: Es gibt vor, welche "Mitspieler" im Satz noch vorhanden sein sollten, damit dieser als grammatischer Satz funktioniert. Diese Eigenschaft von Verben nennt man in der Linguistik Valenz. So fordert beispielsweise das Verb schlafen ein Subjekt als Ergänzung, das Verb wohnen ein Subjekt und eine Angabe des Ortes und das Verb schenken ein Subjekt, ein Dativobjekt und ein Akkusativobjekt.
    Sowohl das Verb essen als auch das Verb trinken verlangt ein Subjekt und ein Akkusativobjekt:

    Beispiel

    Ich trinke ein Bier.
    Sie isst einen Joghurt.

    Das Akkusativobjekt muss aber nicht unbedingt realisiert sein, es ist eine sogenannte fakultative Ergänzung:

    Beispiel

    Stör mich nicht! Ich esse!
    Er trinkt schon wieder...

    In der Regel kennt man als Muttersprachler den Valenzrahmen eines Verbs. Bei Unsicherheiten hilft die Konsultation eines Spezialwörterbuchs, das speziell auf die Verbvalenz ausgerichtet ist. Im "Elektronischen Valenzwörterbuch" (E-Valbu) des Instituts für deutsche Sprache Mannheim findet sich bei trinken zusätzlich zur hier bereits erläuterten Lesart auch die Möglichkeit, das Verb mit einer Ergänzung mit auf zu verbinden:

    Beispiel

    Wir trinken auf deinen Erfolg bei der Abiturprüfung.

    Ein Hinweis auf eine Dativergänzung im Allgemeinen oder speziell des Personalpronomens in der ersten Person Singular findet sich in E-Valbu weder für essen noch für trinken.
     


    Sprachvariation


    Da wir jedoch davon ausgehen, dass Sie gute Gründe dafür hatten, Ihre Frage zu stellen, möchten wir nicht ausschließen, dass eine Verbindung von essen und trinken mit mir nicht unter bestimmten Kontextbedingungen möglich ist. Eine Google-Recherche hat einige interessante Funde zu Tage gebracht:
    Mir als dialektale Variante der ersten Person Plural

    Beispiel

    Ein hemmer scho, zwei trinke mir no, drei könne mir vertrage. (Aus: Walter W. Braun "Mein Freund der Alkohol. Kritische Betrachtung eines ambivalenten Genussmittels.")

    Diese Aussprache der ersten Person Plural finden wir bspw. in süddeutschen Dialekten. Mir ist dann aber das Subjekt und kann folglich nicht wie in Ihrer Anfrage mit ich kombiniert werden.
    Folglich handelt es sich bei dieser Verwendung nicht um das Sie interessiende Phänomen.
     


    Sprachgeschichte


    Im Grimm-Wörterbuch (das übrigens online frei zugänglich ist) fiindet sich uner B 2a ein Hinweis auf die Verwendung von trinken mit dem sogenannten "ethischen Dativ" (eine semantische Klasse des Dativs, der Dativ der Anteilnahme):

    Beispiel

    da habe ich mir im laufe des abends einige grosze schnäpse getrunken, aber es half nicht denkwürd. eines arbeiters (1903) 228 Göhre; der trinkt sich gift Eb. König Thedel von Wallmoden 193.

    Einen Zufallsfund bei google bietet das folgende Beispiel:

    Beispiel

    Ich trinke mir Leben und Liebe und Muth
    Ich trinke mir köstliche Jugend hinein
    (Rheinisches Jahrbuch für Kunst und Poesie 1840: "Alter Zecher" von G.W. Müller)

    Im Gegenwartsdeutschen würden wir hier wohl eher antrinken verwenden:
    Ich trinke mir einen an.
     

    Sprachgebrauch


    Möglicherweise war auch der Songtext von Tiemo Hauer
    Ich trinke mir mein Herz aus dem Kopf
    der Anlass für Ihre Frage.
    Hierbei handelt es sich um eine lyrisch-kreativen Gebrauch: Der Songtext geht quasi spielerisch mit der Verbvalenz um, modifiziert diese für das Anliegen des Songs. Zu der Dativergänzung mir gehört dabei offenbar obligatorisch die direktionale Ergänzung aus dem Kopf. Das ist natürlich im künstlerischen Bereich völlig legitim, solche dynamischen Eingriffe in das System können durchaus auch Motor für Sprachwandel sein.
     

    Fazit: Zur Grundvalenz der Verben essen und trinken gehört keine Dativergänzung. Historisch war aber offenbar der ethische Dativ möglich.

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